Kann moralisch geächteter Lustgewinn das Bruttoinlandsprodukt erhöhen?

Diese Frage hat im Hinblick auf die Einführung des Euro mancherorts Dringlichkeit bekommen. Wenn gewisse Damen - oder auch Herren - im Rotlichtmilieu ihre Dienstleistungen erbringen, tragen sie zweifelsohne zur Steigerung des BIP bei. Doch dem Fiskus ist es bislang noch nicht gelungen, sich diese Branche auf breiter Basis zu erschließen. Was als moralisch verworfen gilt oder gar, wie etwa der Kokainverkauf, strafrechtlich geahndet wird, das kann auf gesetzlicher Grundlage weder zur Mehrwertsteuer noch zur Einkommensteuer herangezogen werden - selbst wenn die Tätigkeit dem Finanzamt bekannt wird. Es bleibt somit bei den offiziellen BIP-Zahlen außen vor.

Seit die monetäre Einigung Europas unwiderruflich ist, ist jedoch die Schattenwirtschaft ins Licht gerückt. Denn die Mitgliedsländer mußten und müssen auch künftig strikte Auflagen zur staatlichen Haushaltsführung und zur Staatsverschuldung erfüllen. Bezugsgrundlage für die Berechnung der jährlich möglichen Neuverschuldung wie auch der erlaubten Gesamtverschuldung bildet eben das BIP.

Wäre beispielsweise das deutsche Inlandsprodukt für 1997 auch nur ein Zehntel höher, als tatsächlich gemessen, dann würden die Gesamtschulden der öffentlichen Hand erheblich weniger als 60 Prozent des BIP ausmachen. Und da an diesen 60 Prozent nach den Maastrichtkriterien nicht gerüttelt werden darf, hätte die Bundesrepublik mit einem nur wenig höheren BIP nicht den kleinen Makel, dieses Kriterium nur gerade so eben erfüllt zu haben. Und hätte etwa Italien ein Bruttoinlandsprodukt von vier Trillionen Lire statt - wie statistisch verbürgt - weniger als drei Trillionen, dann läge seine Gesamtschuld schon unter 100 Prozent. Jetzt sind es 120 Prozent.

Wer über das Erlaubte hinausschießt, muß in den nächsten Jahren viel sparen, kann weniger in Infrastruktur, Forschung, Ausbildung und damit auch in neue Arbeitsplätze investieren. Sein Wirtschaftswachstum wird bescheiden bleiben.

Gäbe es da nicht die Möglichkeit, das BIP auf statistische Weise an die Elle der Maastrichtforderungen anzupassen, ohne daß es volkswirtschaftlich weh tut.

Die Länder könnten ganz einfach ihr Bruttoinlandsprodukt ein wenig anheben.