Das Kino hat keine Bilder für den Tod. Es kann das Sterben in Szene setzen oder das Töten, den Schmerz, den Verfall, die Angst und die Trauer. Es kann die leidenden Körper zeigen, wenn sie sich zum letzten Mal aufbäumen.

Aber der Tod selbst als die Katastrophe des Lebens bleibt immer ein blinder Fleck auf der Leinwand, gefrorene Zeit. Mit dem Tod kommt jede Bewegung zum Stillstand, die laufenden Bilder jedoch sind zur Bewegung verdammt. So zappeln sie weiter.

Patrice Chéreau hat seinen neuen Film über weite Strecken im Zug gedreht, in Cinemascope und mit Handkamera. Sein letzter Film, "Die Bartholomäusnacht", erzählte vom Töten, vom Furor der Mordlust, vom Blutrausch und Getümmel der Leiber. Dieser nun handelt vom Weiterleben, von jenen, die mit ratlosen Gesichtern am Grab stehen und die man gewöhnlich Hinterbliebene nennt. Ruhe finden sie nicht.

"Die mich lieben, nehmen den Zug": So lautete der letzte Wunsch des siebzigjährigen Malers Jean-Baptiste aus Paris. Wer zur Beerdigung nach Limoges kommen möchte, soll mit dem Zug dorthin fahren. Und deshalb treten nicht nur die Lebensgefährten, die Schüler, Freunde und Verwandte des Toten als hysterische Existenzen auf, gehetzt und von Krisen geschüttelt. Die Bilder selbst kommen wie Nervenbündel daher, mit Reißschwenks, schwankenden Kamerafahrten, nervösen Schnitten und einer chaotischen Tonspur, die das Rattern der Waggons mit den Gesprächsfetzen der Reisenden, mit der Tonbandstimme des verstorbenen Künstlers und obendrein mit Musik von den Doors über Björk bis Mahler vermischt.

Wie in all seinen Filmen ist Patrice Chéreau süchtig nach Nähe und rückt seinen Figuren zu Leibe: jede Aufnahme eine Attacke. Am Leben interessiert ihn vor allem das Unkontrollierte: die flüchtige Anwesenheit derer, die sich um den abwesenden Maler scharen. Immer wieder sieht man den alten Mann im Atelier zwischen Pinseln, Farbtöpfen und hohen, dreckigen Fenstern stehen.

Das Bild zitiert nicht nur die Aura einer Künstlerexistenz, sondern auch eine Kindheitserinnerung: Chéreaus Vater war Maler und hieß Jean-Baptiste. Aber diesmal gerinnt die Nervosität, die der Sohn um das Klischee herum anzettelt, vor allem zur fahrigen Pose: Kino im Leerlauf.

Da sind Jean-Marie (Charles Berling) und Claire (Valeria Bruni-Tedeschi), beide drogensüchtig: ein im Haß verstricktes Paar. Da sind François (Pascal Greggory), sein Lebensgefährte Louis (Bruno Todeschini) und der Jüngling Bruno (Sylvain Jacques) - eine dreifache amour fou im Zeitalter von Aids. Das Mädchen Elodie, Haupterbin von Jean-Baptiste, stiehlt Kekse im Speisewagen und erweist sich überhaupt als Nervensäge