Sourcing heißt das Zauberwort. Für Textilhandelsketten, Versandhäuser und Sportartikelhersteller bedeutet das, daß ihre Agenten und Einkäufer weltweit nach Fabriken fahnden, die ihnen Jacken, Hosen, T-Shirts oder Sportschuhe möglichst preiswert zusammennähen. Wer das beste Sourcing hat, erzielt gegenüber der Konkurrenz Wettbewerbsvorteile. Die Länder, in denen die Firmenagenten fündig werden, wechseln - mal ist es Vietnam, mal China, mal Bulgarien, mal El Salvador -, doch das Prinzip bleibt: Den Zuschlag bekommt derjenige lokale Hersteller, der das Produkt am billigsten in der geforderten Qualität zum gewünschten Zeitpunkt liefern kann.

Das Problem dabei: Die Fabriken liegen fast immer in armen Ländern, in denen Menschenrechte, Arbeitsvorschriften und Umweltstandards wenig gelten. Die Regierungen sind froh, wenn Arbeit ins Land kommt, die Fabrikbesitzer wollen Profit machen, und Gewerkschaften sind schwach oder gar nicht zugelassen.

Immer wieder werden deshalb auch angesehene Unternehmen, die sich dieses Systems bedienen, von Menschenrechtsorganisationen an den Pranger gestellt: mal Hennes & Mauritz, mal der Otto Versand, mal Nike, mal adidas. Gleich zweimal wurden jetzt wieder massive Vorwürfe gegen die Herzogenauracher Sportschuster erhoben: Zum einen behauptete ein chinesischer Dissident in den USA, daß er in einem Gefängnis seines Landes als Zwangsarbeiter WM-Fußbälle mit dem adidas-Logo zusammennähen mußte, zum anderen berichtete das TV-Magazin "Monitor" von der Ausbeutung junger Arbeiterinnen in einer Fabrik in El Salvador, die für adidas Sportbekleidung fertigt.

Die Unternehmensspitze ist alarmiert. Schließlich wähnte man sich nach einem im Mai verabschiedeten Code of Conduct schon fast auf der sicheren Seite.

Dieser Verhaltenskodex, den alle adidas-Lieferanten unterzeichnen müssen, schreibt die Einhaltung grundlegender Menschen- und Arbeitsrechte vor.

Kinder- und Zwangsarbeit sind danach nicht zulässig, sexuelle Diskriminierung und unbezahlte Überstunden untersagt, und die Freiheit, sich zu Gewerkschaften zusammenzuschließen, ist ausdrücklich festgeschrieben.

Die schon lange angekündigte Klage des chinesischen Dissidenten liege bislang nicht vor, heißt es bei adidas. Der angebliche Zeitpunkt der Fertigung von WM-Bällen könnte dafür sprechen, daß es sich um - nicht eben seltene - Fälschungen handelt. Noch aber wird recherchiert. Etwas klarer liegen die Verhältnisse bei dem ins Zwielicht geratenen mittelamerikanischen Lieferanten. Der hat den Kodex unterzeichnet und wurde laut adidas vor Auftragserteilung auch überprüft. Doch angesichts der gravierenden Anschuldigungen der Christlichen Initiative Romero (CIR) haben die Franken eiligst ein neues "hochkarätiges Prüferteam" nach El Salvador geschickt - schließlich geht es um das Image des Unternehmens.