Kranke Menschen, zerfallende Gesellschaften, versiegende Natur - der alarmierende Zustand der Erde und ihrer Bewohner ist bekannt. "Man wagt das Ganze nicht mehr zu denken, weil man daran verzweifeln muß, es zu verändern."

Fritz Reheis hat den düsteren Satz von Adorno als Motto über seine gleichermaßen beklemmende wie aufrüttelnde Analyse des Status quo gestellt.

Die Kernthese des Coburger Soziologen ist nicht neu: Individuum, Gesellschaft und Umwelt werden durch die Programmlogik der kapitalistischen Weltökonomie überfordert

das eherne Profitgesetz zwingt die Konkurrenten bei Strafe des Untergangs, immer mehr und immer schneller zu produzieren. Wer im Zeitalter einer geradezu blindwütigen Globalisierung die Analyse von Karl Marx wiederholt, muß sich nicht mehr belächeln lassen - sie ist hochaktuell.

Doch was kann der ohnmächtige Mensch im Ausgang des 20. Jahrhunderts schon ausrichten gegen den kollektiven Wachstumswahn, die Maschinerie der Ressourcenvernichtung, den Terror des Produzierens und Konsumierens? Gegen ein universelles Zwangsgesetz, das "hinter dem Rücken der Akteure" (Marx) waltet? "Auf allen Ebenen entschleunigen!" lautet das Rezept von Reheis. Denn jedes System hat inhärente Eigenzeiten, die sein Gleichgewicht bewahren: der Biorhythmus des Menschen, die Austauschprozesse der Gesellschaft, die Zyklen der Natur, die Kreisläufe vernünftigen Wirtschaftens. Der Autor plädiert für eine "Pädagogik des Zeitlassens", für eine ökologische Ökonomie, die mit den Umweltreserven haushälterisch umgeht und menschliche Arbeit jenseits der bornierten Leistungsideologie definiert. Eine "neue Zeitpolitik" müsse darauf zielen, uns von den Sachzwängen der auf grenzenlosen Gewinn bedachten Raubwirtschaft zu befreien. Kurzum: Es geht um den "Einstieg in den Ausstieg aus dem Kapitalismus".

Derartige Empfehlungen mögen in der Kürze dieser Rezension altbacken und allzu schlicht klingen. Auch wirken Reheis' Diagnosen überzeugender als sein Therapieprogramm. Denn wie sollte eine Politik, herabgesunken zur willigen Magd der Ökonomie, die Allmacht globaler Konzerne brechen? Welche Institutionen könnten jene entfesselten Finanzhasardeure bändigen, die täglich zwei Billionen Dollar auf den Kapitalmärkten der Welt verschieben?

Wie wäre eine Bewußtseinsindustrie zu kontrollieren, die den modernen Menschen wie Pawlows Hund auf totalen Konsum konditioniert? Gar nicht zu reden von den Kardinalproblemen der sogenannten Dritten Welt, die Reheis leider nur streift. Die verelendeten Massen des Südens brauchen überhaupt erst eine Lebensperspektive, ehe sie über die alternativen Wohlstands- und Glücksmodelle des Nordens nachdenken können.

Aber wer ein globales Reformprojekt debattiert, muß viele Antworten schuldig bleiben. Die Lektüre der "Kreativität der Langsamkeit" ist dennoch uneingeschränkt zu empfehlen - man muß sich nur etwas Zeit nehmen. Da hat nämlich einer gewagt, das Ganze zu denken. Ändern können es nur alle gemeinsam. Reheis ermutigt den Leser, vor der Wucht der Herausforderungen nicht zu kapitulieren.

Fritz Reheis: Die Kreativität der Langsamkeit

Neuer Wohlstand durch Entschleunigung

2. überarbeitete und ergänzte Auflage

Primus Verlag, Darmstadt 1998

281 S., 29,90 DM