Seit über siebzig Jahren dürfen die Frauen wählen, doch das hilft auch nicht viel. Oder wirken sie heimlich mit an der Gemütlichkeit, die Deutschland vor der Wahl beherrscht, als ginge es um die Entscheidung zwischen Haribo mit oder ohne Streuzucker? Gar nichts gegen Gemütlichkeit, jeweils vier Jahre während. Aber ein paar Wochen dazwischen, eine winzige Zeitspanne lang ein kleines bißchen Aufregung und Ernst im Antlitz der Notwendigkeit, das wäre doch nicht übertrieben? Die USA bombardieren "ausgewählte Ziele" ohne Kriegserklärung, in Asien wankt der goldene Boden, in Rußland rollt der Rubel in den Dreck, und jene, die hier mit verklärten Mienen sonst gern von der Globalisierung erzählen, machen sich unsichtbar. Deutschland ein Weltstaat?

Doch lieber nicht. Entschädigung der Zwangsarbeiter im NS-Staat?

Glücklicherweise einstweilen noch Privatsache von Dresdner Bank, Allianz & Co und ein paar hergelaufenen Anwälten, denn das Justizministerium hat für derlei Fragen "keine Experten". (Wie soll man sich in nur fünfzig Jahren auch in eine so komplizierte Materie einarbeiten?) Und Politik hat damit schon gar nichts zu tun. Politik, das sind Plakate von Babys und Dinos, Auftritte bei Sat.1 und das Gefühl, es werde jedenfalls schon irgendwie so weitergehen.

(Nur die Welt am Sonntag selig hat die Not der Stunde erkannt und malt das fällige Schreckensbild des grünen Deutschland:

"Abtreiben ja, abhören nein. Drogen freigeben, Kirchenglocken verbieten.

Bundeswehr bekämpfen, Mauerbauer mit ins Boot. Stromsparen, zum Beispiel durch weniger Wäsche, Baden, Fernsehen. Abends lesen im Räucherkerzenschein.

Der grün beglückte Bürger der neudeutschen Fundirepublik geht werktags nach der Kurden-Demo zum Mindestlohnempfang und erholt sich sonntags friedensbewegt im Stroboskop-Schatten wohngebietsnaher Windkrafträder ..." Ach, lieber Josef Nyary, du bist doch unsere eiserne Springfeder im Sessel der Gemütlichkeit!)