Spätabends, wenn die Kollegen längst gegangen sind und das Handy endlich schweigt, dreht Michael Witti auf. "Ich steh' auf Techno-Musik, die entspannt und macht kreativ", sagt der Münchner Rechtsanwalt und läßt die Bässe wummern. Blaß sitzt der großgewachsene Mann vor einem Schreibtisch im Jugendstil-Altbau und versinkt immer tiefer in seinem Stuhl. Leise redet er, immer wieder fällt sein Blick auf Akten und Faxe, die sich überall türmen und nach einer ordnenden Hand verlangen. "Seit zwei Jahren stehe ich unter Strom", sagt Witti, der sich erst gar keine Mühe macht, seinen bajuwarischen Tonfall zu verbergen. Was verblüfft, denn sein glattes Äußeres läßt auf den ersten Blick kaum Ecken und Kanten erwarten.

Witti übertreibt nicht, der leidenschaftliche Motorradfahrer ("meine Yamaha hat 130 PS") hat in den vergangenen Monaten auf Hochtouren gearbeitet. Mit Erfolg. Im Rechtsstreit zwischen Holocaust-Opfern und deutschen Konzernen ist der vorher unbekannte Jurist mittlerweile eine feste Größe. Ob es um deutsche Großbanken und das Nazigold geht oder um europäische Versicherungsriesen und die Policen Verschleppter oder Ermordeter - Witti ist dabei.

Wie sich die Zeiten geändert haben. Im Frühjahr 1997 - gerade hatte Witti zusammen mit seinem amerikanischen Partner Edward Fagan in New York eine Milliardenklage gegen europäische Versicherungskonzerne eingereicht - saß Witti in seinem Büro und schwärmte unablässig, wie professionell "der Äd" die Sache anpacke. Der prozeßwütige PR-Experte Fagan hat seither in der amerikanischen Öffentlichkeit an Reputation verloren. Hierzulande emanzipierte sich sein Schüler Witti und zog auch alleine vor die Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt, um dort Dutzenden Journalisten Rede und Antwort zu stehen.

Ein Medienprofi ist der gebürtige Münchner deshalb noch lange nicht.

Phototermin auf seinem roten Designersofa: der Blick ist starr, erschrocken blickt der Brillenträger in die Linse. Auf Kommando mag kein Siegerlächeln gelingen. Trotz dutzendfacher Fernsehauftritte: das Scheinwerferlicht ist nicht seine Welt.

Der Zufall hat sein Berufsleben geprägt

Die Anspannung fällt, wenn Witti über sein Leben erzählt: Wie er sein Jurastudium "verbummelt" hat, 1991 im Alter von 33 Jahren eine Wohnzimmerkanzlei ("Toilette auf dem Hausflur") eröffnete, weil er sein eigener Herr bleiben wollte. "Zwei Jobangebote habe ich damals abgelehnt, nach der Wende wurden Juristen ja händeringend gesucht."