Fürwahr ein tolles Geschäft. Der Rubel rollte und verwandelte sich auf traumhaft einfache Weise in harte D-Mark. Vielleicht hatten die prominenten Ratgeber von Boris Jelzin, als sie ihm den Übergang in die Marktwirtschaft nach der Methode des Dr. Eisenbart schmackhaft machten, wirklich geglaubt, es diene allen, wenn der Rubel frei konvertierbar, also ohne Einschränkung, in jede Währung umgetauscht werden könne. Doch den Profit machten wenige auf Kosten eines ganzen Landes.

Jahrelang konnten westliche Anleger und russische Businessmen bei faktischer Wechselkursgarantie russische Staatspapiere zu hohen Zinsen zeichnen und die Zinsen dann gleich in D-Mark umtauschen. 30 Prozent jährlich bot der russische Staat zeitweise, 1996 gar über 100 Prozent, vor kurzem noch 59 Prozent. Aber von der hohen Inflationsrate wurden nur diejenigen getroffen, die in Rußland leben und Rubel ausgeben. Die westlichen Spekulanten und die russischen Businessmen plus Anhang in Baden-Baden, Nizza oder Monte Carlo ernteten die Früchte des Kapitalismus pur: exotische russische Nominalzinsen zu niedrigsten westlichen Inflationsraten. Doch das von schwersten Strukturkrisen geschüttelte Rußland hat selbstverständlich keine Chance, Wachstumsraten von 30 Prozent und mehr zu erzeugen. Also wurden die Zinsen nicht aus dem Zuwachs, sondern durch Verzehr des Vermögens bezahlt. Das konnte nur so lange gutgehen, bis die internationalen Anleger den Eindruck gewannen, mit dem Vermögen sei es nun bald zu Ende. Daher verwundert es auch niemanden, daß deutsche Geschäftsbanken ihre Kredite schon abzuschreiben begannen, als Präsident Boris Jelzin immer noch beteuerte, der Rubel werde nicht abgewertet.

Und nun? Nun rollt der Rubel nicht mehr, er fällt. Das Land stellt die Zahlungen ein.

Und wer zahlt? Die Russen, für deren Löhne kein Geld mehr im Staatssäckel ist, weil die mageren Steuern gerade auch für Zinszahlungen draufgehen. Die russische Volkswirtschaft insgesamt, weil das Vermögen für laufende Zinszahlungen verbraucht wird. Solange das eben ging, war Boris Jelzin der gute Freund des IWF, der Kumpel der in der G-7 vereinigten Industrieländer und der großen Anleger allemal. Jetzt schlägt die Stunde der Freunde.

Wer zahlt sonst noch? Alle, die der Feuerwehr des IWF Geld geben müssen, damit sie löschen kann, was mangels währungspolitischer Feuerschutzbestimmungen in Brand geraten mußte. Und der Steuerbürger zahlt überall dort, wo die Regierung Kredite einheimischer Banken und Industrieunternehmen verbürgt hat. Handelt es sich um unverbürgte Kredite, weisen die Banken Verluste aus oder nehmen vorsorgliche Rückstellungen vor.

Das wiederum bedeutet weniger Steuereinnahmen für den Staat. Wo aber sitzen die größten Gläubiger der Russen? In Bonn und Frankfurt.

Die starke D-Mark ist mehr als zehn Jahre nach ihrer Einführung 1948 nicht frei konvertierbar gewesen. Ludwig Erhard wußte, warum er die Währung des darniederliegenden Deutschland nicht dem renditesüchtigen "Vertrauen" kurzfristig disponierender Finanzmärkte auslieferte. Schon in der Koreakrise 1952 - mit Inflationsschock und ängstlicher Flucht in den Dollar - wär's mit der Erfolgsstory der D-Mark vorbei gewesen. Denn jeder hätte das neue Geld in den sicheren Dollar getauscht - so die junge Bundesrepublik es zugelassen hätte.