Annika, Jahrgang 1976, Studentin in Berlin, hat das "Tagebuch der Anne Frank" achtmal gelesen. Die Identifikation mit der als altersgleich erlebten versteckten Jüdin, die verraten wird und im KZ Bergen-Belsen zugrunde geht, ist Bestandteil von Annikas Sozialisation und gehört zu ihren wichtigen Bildungserlebnissen. Das gilt auch für ihren Freund, das bestätigt die ein paar Jahre jüngere Angelika, die Anne Frank im Schulunterricht kennenlernte und ebenso wie ihre Freundin Hanna das Buch zu Hause vorfand und las. Zu den wenigen gemeinsamen Lektüreerfahrungen der westdeutschen Nachkriegsgeneration und ihrer Kinder gehören die Aufzeichnungen der Anne Frank aus dem Amsterdamer Hinterhaus von Juni 1942 bis August 1944. Kein anderes Schicksal ist wie ihres durch naive Identifikation verinnerlicht worden, kein anderes Buch zum Nationalsozialismus ist so erfolgreich. Das "Tagebuch der Anne Frank" ist ein Eckpfeiler der Erinnerungskultur.

Kürzlich sind fünf Seiten aus dem Originaltagebuch aufgetaucht. Sie enthalten kindliche Phantasien über die Ehe der Eltern und ähnliches, was den Vater Otto Frank seinerzeit bewog, sie nicht zu publizieren. Ein alter Herr mit Sendungsbewußtsein, der Holländer Cornelius Suijk, früher einmal Buchhalter der Anne-Frank-Stiftung in Amsterdam, jetzt Direktor eines Anne-Frank-Centers in New York, präsentiert die Tagebuchseiten, die ihm Otto Frank anscheinend einst überlassen hat, und will Millionen dafür, um die "edukative Arbeit" des New Yorker Centers zu finanzieren. Dies beweist ebenso wie die Aufregung, die die Nachricht in der Presse - zunächst in der niederländischen - verursachte, daß die Geschichte der Anne Frank längst den Gesetzen der Medien und der Marktwirtschaft unterliegt.

Ob es zum Verständnis dieses Schicksals immer wieder neue Biographien mit privaten Einzelheiten (wie soeben mit dem werbewirksamen Zusatz angekündigt, die Autorin habe die fünf Tagebuchblätter einsehen dürfen) braucht? Ob die als Elemente der Aufklärung angepriesenen Produkte des Geschäftssinnes, die Filme, die Theaterstücke, das Musical - die Eisrevue zum Thema stehe noch aus, seufzt ein niederländischer Historiker - und auch der Erziehungsauftrag (von wem erteilt?) eines Anne-Frank-Centers in New York - ob dies alles notwendig ist oder gar Gutes stiftet, bleibt zu fragen.

Als Objekt naiver Aneignung läßt Anne Frank sich genausogut instrumentalisieren (etwa als junge Holländerin gegen die Deutschen), mit wechselnden Botschaften aufladen (etwa mit jüdischer Religiosität oder feministischem Impetus) wie kommerziell vermarkten. Vielleicht ist die Frage, wem sie gehört, doch berechtigt?

Als Nummer 77 der Fischer Bücherei begann 1955 Annes Triumphzug in Deutschland. Eine berühmte Schriftstellerin wollte sie einmal werden, hatte sie ins Tagebuch geschrieben. Sie ist posthum die berühmteste und erfolgreichste geworden: Knapp zweieinhalb Millionen Exemplare sind zwischen 1955 und 1992 in Deutschland von der Taschenbuchversion verkauft worden, im ersten Jahr allein 800000. Im April 1992 kam eine neue Taschenbuchausgabe auf den Markt, ebenfalls bei Fischer, davon sind bis jetzt wieder 600000 Exemplare vertrieben worden. Die alte und die neue Taschenbuchausgabe unterscheiden sich nicht nur in der Aufmachung. Es ist nicht derselbe, aber ein ähnlicher Text, der in neuer Übersetzung mit dem Vermerk im Untertitel "Fassung von Otto H. Frank und Mirjam Pressler" präsentiert wird.

Empathische Rezeption, die vorherrschende Haltung bei Anne Franks Publikum, wird durch die verschiedene Textgestalt nicht irritiert; redaktionelle Manipulationen erregen die Aufmerksamkeit von Philologen und Historikern, nicht die der Lesegemeinde. Das ist so natürlich, wie vielen Lesern nicht bewußt ist, daß die Sprache der deutschen Jüdin Anne das Niederländische war. In der neuen Taschenbuchausgabe gibt es auch das Vorwort des frommen Dichters Albrecht Goes nicht mehr, in dem, die Leser auf Empathie stimmend, "eines der merkwürdigsten Dokumente erwachenden Menschentums" angekündigt ist, das, "völlig absichtslos notiert", in völliger Lauterkeit vom außerordentlichen Menschen "in außerordentlich böser Zeit" handelt.

Auf das Seelenleben des "ungewöhnlich begabten und empfindsamen Kindes" (Verlagstext) konzentriert sich ein Interesse, das die Realität des Völkermordes kaum ahnen läßt. Das Grauen des Holocaust ist in Annes Tagebuch begreiflicherweise nicht thematisiert, der Beginn für die Autorin und das Ende der Aufzeichnungen fallen zusammen. Damit bleibt dem Leser das Eigentliche erspart. Die Leiden der Verfolgung sind nach innen verlegt, in die Gemeinschaft der acht Untergetauchten im Hinterhaus an der Prinsengracht in Amsterdam. In ihren Ängsten und Hoffnungen, gespiegelt im Tagebuch, kommt die Katastrophe des Judenmords nur als Widerschein einer Bedrohung - wie die Realität in Platons Höhlengleichnis - zum Ausdruck.