Die CDU pfeift auf dem letzten Loch: Nun will sie, knapp vier Wochen vor der Bundestagswahl, die Außenpolitik - Rußland, Rußland! - zum Schwerpunkt machen. Als Garant der Stabilität und Verkörperung der Kontinuität soll der Kanzler auf das Postament der Unentbehrlichkeit gehievt werden: der Fels in der Brandung, an dem sich die anbrandenden Wogen des Chaos brechen werden.

Das Rezept wird nicht verfangen. Nach sechzehn Jahren ist das Wahlvolk Helmut Kohls überdrüssig. Es kann sein Gesicht nicht mehr sehen - diese Tatsache überlagert alle Sachthemen. Die Bürger wollen vielleicht keine andere Politik, aber sie möchten einen anderen Mann an der Spitze. Die Außenpolitik wird die Wähler ebensowenig auf Trab bringen wie der Streit um die Ökosteuer oder der Ausstieg aus der Atomenergie, die Steuerpläne der Parteien oder die Beschäftigungspolitik. Dies hat zwei Gründe.

Zweitens: Alles in allem kann sich die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik, wie sie seit der Wiedervereinigung im Dreieck Kohl - Kinkel - Rühe definiert und praktiziert worden ist, durchaus sehen lassen. Deutschland ist ein normales Land geworden, geplagt weder von Großmannssucht noch von dem Hang zur Selbstverzwergung. Es ist kein Trittbrettfahrer, sondern steuert überall seinen Anteil bei - in der Atlantischen Allianz wie in der Europäischen Union, aber auch bei der Weltbank und dem Weltwährungsfonds. Es ist kein Drückeberger - siehe die Beteiligung der Bundeswehr in Bosnien. Im übrigen ist der außenpolitische Kurs zwischen den Parteien so gut wie unumstritten, sieht man von einigen Nebengeräuschen bei den Grünen und der PDS einmal ab. Auch steht eine grundlegende Kursänderung nicht zur Debatte. Es geht um die Anpassung an die neuen Verhältnisse, nicht um schmerzhafte Überprüfung.

Was der deutschen Außenpolitik in den vergangenen Jahren gefehlt hat, war eher Stil als Substanz, Glanz und Schwung mehr als Redlichkeit oder Richtungssinn. Es stimmte alles, aber es verdichtete sich nicht zum Konzept. Manches blieb in erstarrten rhetorischen Floskeln stecken. Die Regierung schien nicht so richtig mit dem Herzen bei dem, was sie mit dem Mund verkündete. Aber würde ein diplomatischer Novize wie Gerhard Schröder als Bundeskanzler, würde ein Außenminister Rudolf Scharping so viel mitreißenden Elan entfalten?

Die Grundlinien deutscher Außenpolitik stehen heute außer Streit. Deutschland ist endgültig ein Teil des Westens geworden; die Träume von Mittellage und Zentralmacht sind verflogen. Es ist eine territorial saturierte Macht, die sich Anwandlungen von Irredentismus und Revanchismus aus guten Gründen versagt hat. Auch die größere Bundesrepublik bleibt eine eingebundene Macht; für ihr Handeln auf der Weltbühne gilt die Losung: "Nie allein, immer im Verein". Ihr fortwirkender Bindungswille wird sich immer wieder in der Bereitschaft zu weiteren Verzichten auf Autonomie und Souveränität ausdrücken. Deutsche Diplomatie kann im übrigen die Interessen des Landes nicht brachial durchboxen, sondern muß ihren Einfluß innerhalb der Institutionen, in die wir uns eingebunden haben, nach deren Regeln geltend machen; ihre Politik des fairen Ausgleichs wird stets auf Lösungen sinnen, die auch für die anderen erträglich sind.

Außenpolitik besteht jedoch nicht nur aus Grundsätzen. Sie verwaltet, vertritt, verficht auch Interessen - die Interessen eines Handelsstaates, dessen Trachten zwar auf das Ziel der Wohlstandsoptimierung gerichtet ist, der aber auch Sicherheitsbedürfnisse befriedigen muß und bei der internationalen Rahmensetzung für staatliches Handeln und privates Wirtschaften mitzuwirken hat. Und wenn auch niemand an den Grundlinien der bisherigen deutschen Außenpolitik rüttelt, so müssen sie nun doch alle in die Zukunft hineinverlängert werden. Mit den gestrichelten Linien jener Bekenntnisse, die Außenpolitiker jeglicher Couleur so gern zwischen Buchsbäumen abgeben, kann es nicht sein Bewenden haben. Dies gilt gleichermaßen für fünf entscheidende Felder.

1.Europäische Integration. Hier muß Deutschland weiterhin die treibende Kraft bleiben. Die Nationen der Alten Welt werden nicht verschwinden, aber als Akteure der Weltpolitik haben sie nur noch im Verbund eine Zukunft. Doch welche Entscheidungsmechanismen sind nötig? Wie soll das europäische Unterfangen finanziert werden, wenn einerseits die Beitragssätze gleichbleiben, andererseits die Anforderungen durch die Erweiterung nach Osten steigen? Geht es überhaupt ohne eine grundstürzende Reform der EU-Agrarpolitik? Und wo eigentlich sollen die künftigen Grenzen Europas liegen - gehören am Ende die Ukraine dazu und die Türkei? Schließlich: Wenn wir die strikte Einhaltung des Subsidiaritätsgebotes verlangen, müßten wir - zumal so europakritische Bundesländer wie Bayern - nicht selbst damit aufhören, in Brüssel Mal um Mal ziemlich ultimativ immer ausgefallenere Vereinheitlichungsregeln zu verlangen? All diese Fragen harren einer Antwort.