Horn, Franz Horn, heißt der Held aus Martin Walsers Roman "Jenseits der Liebe". Der Mann ist krank vor Sehnsucht, genauso wie Thiele, sein Chef. Sie leiden, wissen aber nicht, woran; sie leben, wissen aber nicht, wofür. Sie sind die Angestellten ihrer Hoffnung und Sklaven der Vergangenheit. Horn, der Firmenrepräsentant, verkauft Zahnersatz, Modell "Chemnitz". Zahnersatz. Identitätsersatz. Lebensersatz.

Früher, zu Zeiten der "alten" Bundesrepublik, hätte es über den Befund keinen Streit gegeben. Der Kapitalismus sei eben ein Raubritter, der Sinn zerstört, ohne neuen zu stiften. Resopal plus Vollkasko. Heute, zehn Jahre nach der deutschen Vereinigung, sagt man das nicht mehr. Walsers Identitätsinvaliden, so heißt es, litten damals nicht am System, sondern am deutschen Mangel, an der Teilung der Nation, am Phantomschmerz der amputierten Republik. In den Efeukübeln ihrer Fußgängerzonen verschwand alles Glück und im beleuchteten Zimmerbrunnen das ungelebte Leben. Heute, frohlocken die Freunde, dürfen Walsers Romanfiguren wieder hoffen. Die deutsche Nation ist geeint, die Zukunft kann beginnen. Ihr Name: "Berliner Republik".

Und Abschied. Abschied von der Bundesrepublik, vom Zynismus ihrer unpolitischen Postmoderne, von der bleiernen Zeit des Helmut Kohl und dem Mißmut seiner späten Jahre. Nach einem Jahrzehnt der Utopiekritik scheint Utopie wieder möglich. Eine linke ist es nicht. Nachdem sich die Fronten verkehrt haben, spielen konservative Geister Avantgarde, und linke Avantgardisten verteidigen die Bonner Republik im Augenblick ihres Verschwindens. Wer hier streitet, versteht sich als Quartiermacher der Zukunft. Alles ist politisch. Alles ein Zeichen der Geschichte. Keiner spricht es aus, aber natürlich ist der Streit um das Selbstverständnis der Berliner Republik ein Streit um die Moral der Zukunft und das Imaginäre der Politik. Wer die Bonner Vergangenheit definiert, sagen die Alarmierten, definiert die Berliner Zukunft. Bei dieser Auseinandersetzung, so fürchten die Politikwissenschaftler Andrei S. Markovits und Simon Reich, werden Orientierungen gestanzt, mit denen bald Politik gemacht wird - zentralistisch und machtbewußt, ohne die Sperrfunktion der Erinnerung. Das macht die Intimität aus Zukunftserwartung und Vergangenheitsdeutung so brisant und ihre Geschichtsdaten so magisch: 1914-1933-1945-1989.

Vielleicht liegt in diesen Daten der Schlüssel der Kontroverse. Wenn man zum Beispiel das Jahr 1989 als den eigentlichen Bruch der Zeitgeschichte feiert, dann muß die Zäsur von 1945 verblassen. Nicht die Befreiung vom Nationalsozialismus, sondern die "Erlösung" Deutschlands aus der "Doppelhegemonie" von USA und UdSSR bildet dann den Ankerpunkt der Zukunft. Damit ändert sich auf einen Schlag die Interpunktion der Zeitgeschichte: Die Bedeutung der alten Bundesrepublik schrumpft gegen Null, damit sich die Berliner Republik um so strahlender abhebt.

Extremisten der Mitte treiben das Zahlenspiel noch weiter. Wer im Gefolge des Historikers Ernst Nolte und seiner neuen Rechten die Jahrzehnte zwischen 1914 (beziehungsweise 1917) und 1989 erst isoliert und dann zum großen historischen Ausnahmezustand zusammenzieht, erhält freie Sicht, um die Bundesrepublik insgesamt als Sonderweg verächtlich zu machen - als Prothese des amerikanischen Westens, als undeutsches Interim ohne Macht und Metaphysik. Jeder Lehrplan eine Umerziehung, jede Reise Genschers ein Zittern vor der Macht. Nun, nach dem Untergang Moskaus und dem Ende des totalitären Zeitalters, kann Deutschland in nationaler Unschuld an die 1914 abgebrochene Vorgeschichte anknüpfen: machtpolitisch an 1871, ideengeschichtlich an die Epochenschwelle von 1800.

Für den Streit um die Berliner Republik hat diese verdrehte Sonderwegthese nun zwei Konsequenzen, eine politische und eine kulturelle. Historiker wie Arnulf Baring oder Hans-Peter Schwarz spielen mit dem Gedanken, nach der Vereinigung müsse Deutschland als geopolitische Vormacht in der Mitte Europas in sein natürliches Recht gesetzt werden. Realpolitik steht gegen moralische Prinzipienpolitik, neue Handlungsfähigkeit gegen alte Bindung. Deutschland, so Baring, "ist nach wie vor, oder wieder neu, das Bismarckreich, allerdings in der Form, die ihm die Adenauer-Republik gegeben hat".

Bei der Politik bleibt es nicht. Wer auf der europäischen Landkarte die Bundesrepublik als Sonderweg einzeichnet, nimmt auch die "kulturelle Westbindung" ins Visier. Demnach war die kulturelle Öffnung der Bundesrepublik eine geistige Reparationszahlung an die Alliierten, die das Land von deutschen Quellen, vom "Eigenen" abgeschnitten hat. Die "Planierraupen eines neuen Soziologismus", so der Merkur- Herausgeber Karl Heinz Bohrer, zerstörten "unsere spezifische ,irrationale' Tradition der Romantik". Nachdem die "tieferen geistigen Dimensionen von Völkeridentitäten" unter Gesinnungsmoral und Sozialstaat vergraben waren, verfiel die BRD der "Illusion, Wirtschaftsboom und Fußgängerzonen, die D-Mark-Überlegenheit und ein Haus nördlich von Rom könnten als Identifikationsmerkmale (...) ohne politische Ambition funktionieren". Dieses Prothesendasein hat nun ein Ende. Die Berliner Republik wird eine Steppe bewässern.