Lesen im Internet ist wie Musikhören übers Telephon. Während es aber gewiß niemandem einfiele, Telemann mit der Telekom ins Haus zu holen, haben sich viele Menschen von der Vorstellung einer Literatur im Internet beeindrucken lassen. Literatur im Netz ist eine Totgeburt. Sie scheitert schon als Idee, weil ihr Widersinn womöglich nur noch von Hörspielen aus dem Handy übertroffen wird.

Es sind gar nicht einmal die herkömmlichen Argumente gegen die technische Basis des Internet, die den Ausschlag geben. Theoretisch können Computer so handlich und mobil wie Bücher werden. Bildschirme werden regelmäßig augenfreundlicher. Die Sinnlichkeit des Berührens und Riechens wird im Zeitalter der Taschenbuchästhetik ohnehin überbewertet.

Diese Propheten vergessen doch gern, daß schon Sprache und Schrift Medien mit spezifischen Anforderungen sind, die sich nicht ungestraft mit anderen vermischen lassen. Schrift, und jede andere Form der Sprachkunst, ist linear, da beißt die Maus keinen Faden ab. Der kleine Bildausschnitt des Computers betont sogar die Linearität der Schrift, und Hyperlinks, markierte Textstellen, die durch Mausklick in einen neuen Text führen, gleichen dies nur aus. Literarisches im Internet ist deshalb mitnichten "interaktiver" als seine gedruckten Ahnen. Lesen ist nie unvermitteltes Einfließen des Buchinhaltes in den Kopf des Lesers, sondern aktive - interaktive - Aneignung. Außerdem: Wo, bitte schön, kann man im Computer seine Notizen an den Rand schreiben und Jahre später wiederfinden? Inwiefern sind Links fortschrittlicher als Fußnoten? Und schon immer haben Autoren mal versucht, gemeinsam zu schreiben - funktioniert hat es freilich selten. Ein paar tausend Jahre Literaturgeschichte genügen als Beweismaterial.

Selbst wenn sich Internet-Literatur von den Mustern der herkömmlichen Belletristik löste und aus den Graphik- und Tonmanipulationen der virtuellen Realität eigene Kunstformen erwüchsen, wäre ihr noch kein Erfolg garantiert. Vom Copyright ganz zu schweigen: Ohne Gegenwert für die Autoren gleicht das Internet diesen Zirkeln egozentrischer Dilettanten, in denen ein jeder seine gutgemeinten Ergüsse den anderen vorlesen darf.

Sollte entgegen diesen Prognosen die Internet-Literatur im Verhältnis zu anderen Publikationsformen wachsen, geschieht etwas Paradoxes: Das Buch würde seine zentrale kulturelle Stellung eher ausbauen können als verlieren. Das redigierte und verlegte Werk wäre wieder das Besondere, die Massenware wanderte ins Netz oder gelangte gar nicht erst aus ihm heraus. Diesen Vorgang kann man bereits heute an naturwissenschaftlichen Fachjournalen beobachten. Nur die besten Aufsätze werden in Zeitschriften publiziert, der Durchschnitt bleibt digital.

Das Buch ist ja gewissermaßen Opfer seines eigenen Erfolgs geworden. Die schiere Masse der Neuerscheinungen und die daraus folgende Zersplitterung des Publikums haben ihm mehr geschadet als die Konkurrenz anderer Medien. Die Zahl anspruchsvoller Leser ist heute hoch wie nie zuvor. Dennoch stellen sogar in Kreisen, in denen viel gelesen wird, eher die neuesten Kinofilme den Gesprächsstoff, da jeder sie gesehen hat. Und hier ist schließlich der entscheidende Grund, warum der Internet-Literatur, in welcher Form auch immer, kein Erfolg beschieden sein kann: Noch viel weniger als das Buch wird sie in der Lage sein, eine moderne literarische Öffentlichkeit zu schaffen. Im Netz sind, allen Chats zum Trotz, Lektorat und konstruktive Kritik so unvorstellbar wie ein WWW-Äquivalent zu dem Tisch mit den Neuerscheinungen. Im gigantischen Durcheinander des Internet regiert Zufall, nicht Qualität.

Das Kernargument gegen Internet-Literatur beruht mithin nicht auf Technophobie oder Kulturpessimismus, es ist vielmehr zutiefst aufklärerisch. Das babylonische Gewirr der Internet-Subkulturen ist ein ausgesucht schlechtes Mittel, eine zivile und entspannte Gesprächskultur zu garantieren.