Natürlich wird die CDU die Bundestagswahlen nicht haushoch verlieren. Wahrscheinlich werden die beiden Volksparteien am Ende so weit nicht voneinander entfernt liegen. Doch einen Triumph der Christdemokraten werden wir am Abend des 27. September nicht erleben. Die "Ära Kohl" wird ihr Ende finden.

Das liegt nicht allein daran, daß man den Dicken aus Ludwigshafen nicht mehr hören und sehen mag. Das hat auch nicht in erster Linie mit den strategischen Fehlgriffen des Pfarrers Hintze zu tun. Selbst die konfuse Diskussion über die Kohl-Nachfolge ist nicht hauptverantwortlich fur die Malaise der CDU. Die schleichende Machtauszehrung der Partei hat schon früher angefangen, reicht weit bis in die achtziger Jahre zurück.

Die christdemokratischen Parteien erlebten ihre Heldenzeit in den späten vierziger und fünfziger Jahren. Sie waren die Aufbauparteien in den europäischen Trümmergesellschaften. Sie waren die großen Gegner des expandierenden Kommunismus. Ihre katholischen Partei- und Regierungsführer, der Italiener Alcide de Gasperi, der Franzose Robert Schuman, der Luxemburger Joseph Bech und der Deutsche Konrad Adenauer, waren die Architekten der europäischen Integration. Von dieser historischen Rolle profitierten die Christdemokraten lange Jahre. Und in der Tat waren ihre guten Jahre auch gut für die Staaten und gut für Europa.

Die christdemokratischen Parteien wurden die ersten Volksparteien in der europäischen Parlamentsgeschichte. Sie integrierten Bürger, Arbeiter und Bauern und befriedeten so die Gesellschaft. Ihre Politiker mußten soziale Gegensätze austarieren, disparate Interessen vermitteln, die auseinanderlaufenden Fäden immer wieder in der Mitte bündeln. Christdemokraten waren pragmatische Politiker, Manager, in ihren Methoden äußerst flexibel, sozial und konservativ zugleich, gemäßigt marktwirtschaftlich und moderat sozialstaatlich. Ihre Parteien standen im Zentrum der Politik, Scharniere der Regierungs- und Koalitionsbildung. In den goldenen Jahren gelang es ihnen, die politische Mitte zu besetzen und die gesellschaftliche Mitte nach Jahrzehnten der Zersplitterung zu sammeln. In dieser Zeit erreichten die christdemokratischen Parteien, mit Ausnahme der kleineren Schweizer CVP, durchweg grandiose Wahlergebnisse, die zwischen vierzig und fünfzig Prozent lagen - in Luxemburg, Belgien, den Niederlanden, Österreich, Italien und eben in Deutschland.

Doch in den siebziger Jahren war es damit vorbei. In der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts durchpflügte die Säkularisierung die europäischen Nationen. Vor allem schmolz das bis dahin stabile katholische Milieu ab. Binnen weniger Jahre reduzierte sich die Zahl der Kirchgänger in den meisten Ländern um mehr als die Hälfte. Das katholische Ritual verschwand aus dem Alltag selbst zuvor tiefkatholischer Landschaften. Damit lösten sich auch die Bindungen an die christlichen Parteien auf.

In Holland hatten 1963 noch 84 Prozent der Katholiken die Katholische Volkspartei gewählt; 1972 waren es 36 Prozent. In Belgien schrumpfte der Anteil der katholisch-christdemokratischen Parteien zwischen 1961 und 1968 um 10 Prozentpunkte. In Frankreich löste sich die katholische MRP 1967 auf. Ähnlich deprimierend verlief es für die Christdemokratien auch in den anderen Ländern.

Nur der CDU gelang es, die Säkularisierungsverluste auszugleichen. Denn allein die deutschen Christdemokraten waren in wesentlichen Teilen protestantisch und dadurch erheblich bürgerlicher und antisozialistischer als ihre Schwesterparteien andernorts, die viel stärker sozialkatholisch verwurzelt waren und oft mit den Sozialdemokraten koalierten. Die CDU entwickelte sich seit der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre unter Konrad Adenauer zur großen konfessionsübergreifenden Sammelpartei des deutschen Bürgertums. Gegner waren der kommunistische und sozialdemokratische Sozialismus. Der Kampf gegen das linke Lager einte das bis 1933 fragmentierte deutsche Bürgertum, zumal die Bundesrepublik Frontstaat war. So gelang es der CDU, die säkularisierten Wählergruppen zu halten. Dabei halfen ihr die Eruptionen von 1968 und die anschließende Reideologisierung der SPD. Die CDU gewann binnen weniger Jahre mehrere hunderttausend neue Mitglieder aus dem verängstigten Bürgertum, während den Schwesterparteien in anderen Teilen Europas die Anhänger von den Fahnen liefen.