Mit Muxx, Extra und Festival will die ARD das Fernsehen der Zukunft, das Digital TV, erobern. Zusätzlich zu diesen drei eigens fürs neue Fernsehen entwickelten Programmen lockt das Erste mit dem komplett digitalisierten Angebot seiner dritten Programme, mit elektronischem Programmführer und Lesezeichenfunktion. Das technisch aufpolierte Erste können jedoch nur die Zuschauer empfangen, die über einen entsprechenden Decoder verfügen.

Doch genau hier sieht der öffentlich-rechtliche Sender ein Problem. Bisher gibt es nur ein Decoder-Angebot am Markt, die d-Box, und die stammt vom Erzrivalen der ARD, vom Münchner Filmhändler Leo Kirch. "Wir wollen nicht von einem Anbieter allein abhängig sein", sagt Werner Hahn, Justitiar des Norddeutschen Rundfunks (NDR) und ARD-Unterhändler in Sachen digitales Fernsehen. Denn Kirch verfolgt eigene Interessen. Für ihn bedeutet Digital TV vor allem Bezahlfernsehen. Er verfügt über riesige Programmpakete, ist Eigner des Digital-Senders DF1 und hält neben Bertelsmann Anteile an dem Pay-TV-Sender Premiere, der seine Abonnenten derzeit ins digitale Zeitalter lockt - mit der d-Box. Generell ist freilich unbestritten: Digitale Übertragung ist die Fernsehtechnik der Zukunft.

Auch viele der mehr als 6000 privaten Kabelnetzbetreiber, die rund 412 Millionen deutsche Haushalte mit Kabel-TV versorgen, sind mit der Situation am jungen Digital-Markt unzufrieden. Die Telekom, die die Kabelnetze bis zur Haustür betreibt und selbst nur knapp sechs Millionen Haushalte bedient, macht die privaten Netzbetreiber abhängig von der d-Box. Für otelo, Ableger der Ruhrkonzerne RWE und Veba, ist die Zusammenarbeit zwischen der Telekom und der d-Box-Anbieterin Betaresearch, der Techniktochter von Kirch, überdies ein Verstoß gegen ein Verbot der Brüsseler EU-Kommission. Wettbewerbskommissar Karel Van Miert hatte Ende Mai sowohl die Fusion der Pay-Sender Premiere und DF1 als auch den Technikpakt zwischen Betaresearch, Bertelsmann und Telekom untersagt. Van Miert wollte auf dem neu entstehenden Markt ein Monopol gleich vom Start weg verhindern. Nach Ansicht von otelo haben die Unternehmen ihr Verhalten am Markt jedoch nicht geändert, otelo legte Beschwerde in Brüssel ein. Dem folgte auch die Anga, Verband der Kabelnetzbetreiber.

Der Vorstoß der ARD gemeinsam mit einigen Herstellern soll, so Tillmann, "zu einer Marktöffnung führen". Vor allem aber soll er politischen Druck erzeugen. In Gesprächen mit der Telekom-Regulierungsbehörde, dem Bundeskartellamt sowie den für die Rundfunkpolitik zuständigen Bundesländern will man Telekom, Kirch und Bertelsmann dazu bringen, eine Marktöffnung nicht länger zu blockieren. Kommende Woche sind Gespräche bei der Telekom geplant.

Im Moment jedenfalls steckt das Zukunftsfernsehen in einer Sackgasse. Da es für die meisten deutschen Zuschauer rund dreißig frei empfangbare Fernsehsender gibt, ist die Lust auf Bezahlfernsehen gering. Leo Kirch kann ein Lied davon singen: Bereits im Sommer 1996 hatte er seinen Digital-Sender DF1 gestartet - und zählt bisher nur 170000 Abonnenten. Auch Premiere, das seine 1,6 Millionen Kunden mit der herkömmlichen Analogtechnik bedient, konnte bis jetzt nur 200000 Abonnenten fürs Digital TV gewinnen. Wird Digital-Fernsehen vor allem mit Bezahlfernsehen identifiziert, so dürfte es schwer werden, das soeben von der Bundesregierung proklamierte Ziel zu erreichen und bis zum Jahr 2010 die Übertragungstechnik komplett zu digitalisieren.

Gelingt es jedoch den Anbietern des sogenannten Open TV, sich am Markt durchzusetzen, dann bekommen die Pay-Sender Premiere und DF1 Probleme: Ihnen gehen Kunden verloren. Doch auch die Hersteller der offenen Digital-Box brauchen die attraktiven Pay-Programme, um den potentiellen Käufern die Geräte so attraktiv wie möglich zu machen.

Die Schlüsselfigur bleibt Leo Kirch: Er hatte bereits 1996 beim finnischen Hersteller Nokia eine Million d-Box-Decoder bestellt. Bevor die nicht weg sind, dürfte er sich gegen die wettbewerbsfreundliche Marktöffnung heftig wehren.