Seine Karriere als "Mentalmagier" begann Bernhard Wolff schon als kleiner Junge. Jedesmal wenn sein Schulbus am Ortsschild "Stockelsdorf" vorbeifuhr, übte er sich aus Spaß im Rückwärtssprechen. "Frodslekots" wurde zum Ritual, dem bald weitere Rückwärtsbetrachtungen folgten. Heute kann Wolff nicht nur Zungenbrecher wie "stirf sreschif tschif eschif eschirf, eschif eschirf tschif stirf sreschif" (Fischers Fritz fischt...) flott herunterrasseln, sondern auch den Almdudler "Heidi" rückwärts singen und sich dabei sogar noch mit einem Sortiment Kuhglocken selbst begleiten.

"Ich glaube, ich habe mir einfach meine Lust am spielerischen Denken bewahrt und sie nicht im Laufe des Älterwerdens abgelegt wie so viele Erwachsene", erklärt Wolff seinen etwas merkwürdigen Hang zum Wörterverdrehen. Nun beglückt der professionelle Rückwärtssprecher auch andere mit seinem Spieltrieb: Mit dem Think Theatre und einer Handvoll gleichgesinnter Gehirnakrobaten präsentiert er die erstaunlichen Fähigkeiten des menschlichen Denkorgans als abendfüllendes Unterhaltungsprogramm.

Zauberei? Parapsychologie? Oder steckt dahinter nur ein raffinierter Code, mit dem Santo durch scheinbar banale Sätze seiner Partnerin verschlüsselt die notwendigen Informationen übermittelt? Die Frage bleibt offen. Das Publikum soll schließlich angeregt werden, sein eigenes Denkorgan in Gang zu setzen.

Eine Art "Sesamstraße für Erwachsene" böten sie, meint Moderator Eckart von Hirschhausen, der zusammen mit Bernhard Wolff das Konzept des Denktheaters entwarf. Man solle wieder staunen lernen über die schier unbegrenzten Fähigkeiten des menschlichen Gehirns - und über scheinbar selbstverständliche Denkleistungen, die allerdings bei näherem Hinsehen nicht minder spektakulär sind. "Warum ,wackelt' unser Bild von der Welt beim Joggen nicht?" fragt beispielsweise von Hirschhausen, der nicht nur Zauberkünstler, sondern auch studierter Mediziner und Wissenschaftsjournalist ist. In launigen Exkursen bietet er nebenbei eine kleine Einführung in die Hirnforschung ("Das Stammhirn heißt so, weil es vor allem am Stammtisch benutzt wird") und macht klar, welches Wunder sich in unserem Kopf verbirgt.

Dabei lernt man durchaus etwas fürs Leben, zum Beispiel die Geheimnisse der Mnemotechnik. Wie merkt man sich zwanzig verschiedene Gegenstände? Indem man sie im Geiste zu einer möglichst phantasievollen Geschichte verbindet. Je aberwitziger die Merkhilfen ausfallen, um so besser bleiben sie dabei im Gedächtnis. "Unser Gehirn will Privatfernsehen, will Sex und Crime", bringt es von Hirschhausen auf den Punkt. So tastet man sich spielerisch an das Geheimnis kreativen Denkens heran, das unter anderem darin besteht, sich scheinbar unsinniger, ausgefallener Ideen nicht zu schämen.

Daher habe das Ganze auch mehr als Unterhaltungswert, glaubt Initiator Bernhard Wolff. Der gelernte Werbekaufmann und Wirtschaftspädagoge zielt mit seiner Denk-Show unter anderem auf Betriebe und Fortbildungsveranstaltungen. Denn sind nicht im vielbeschworenen Informationszeitalter kognitive Strategien gefragt wie nie zuvor? Das Think Theatre soll im besten aufklärerischen Sinne dazu anregen, sich des eigenen Denkens zu bedienen.

Demnächst wird der Rückwärtssprecher allerdings selbst zum Studienobjekt. Am Institut für Phonetik der Universität Hamburg will Andrea Jungclaus genauer untersuchen, was in Wolffs Kopf geschieht, wenn dort die Sprache rückwärts läuft. Denn an den einzelnen Buchstaben kann sich der Wortkünstler dabei nicht orientieren; viele Konsonanten und Anhauchungen klingen rückwärts völlig anders. "Ich habe die Bewegung eher als Wellenbild im Kopf", meint Wolff selbst ein wenig vage. Auch die Erklärung, manche Klänge stelle er sich farbig vor, macht eher neugierig. Vielleicht, so hofft Andrea Jungclaus, läßt sich ja aus der Untersuchung dieser ungewöhnlichen Geistesleistung eines Tages noch handfester Nutzen ziehen - indem man beispielsweise lernt, Sprachstörungen durch gezieltes Rückwärtssprechen zu therapieren. Bernhard Wolff fände das vermutlich "znag rabrednuw".