Wo bleiben in einer Zeit der Sportlichkeit die Gebrechlichen, die Nervösen und die Langsamen? Bei Game-Shows, die den Kandidaten Spitzenleistungen in körperlicher Gewandtheit, psychischer Unerschütterlichkeit und geistiger Kombinationsgabe abverlangen, sind sie chancenlos. Eigentlich wünscht man auch den nicht so hoch Begabten mal einen Hauptgewinn, und dafür gibt es jetzt die "Lotto-Show".

Nicht abgeholte Gelder des Spieles 77 füllen den Topf, aus dem die enormen Preise der TV-Lotto-Show gezahlt werden: eine Million für den ersten Sieger, 100000 für die richtige Wette (auf den Sieger) und 50000 obendrein für ein paar Glückspilze. Man blickt schon nicht mehr durch, hört nur immer die enormen Summen und schämt sich für die Offenheit, mit der hier die Geldgier inszeniert und ermutigt wird. Aber das ist ein Affekt von gestern. Derzeit verbreitet Geld den reinsten Wohlgeruch, und im übrigen ist eine Million, wie eine Kandidatin versicherte, "nicht viel im heutigen Leben".

Die "6 aus 49", die in der Endrunde "bibbern" (Kock), kämpfen nicht selbst, sondern lassen sich durch ausgesuchte Gladiatoren vertreten. Auch diese Wettkämpfer sind Leute von der Straße: Kellner, Gabelstaplerfahrer, Sekretärinnen. Wichtig ist: Sie müssen "top im Job" sein und dies in einem "Duell der Superprofis" beweisen. Für sie springt nur "Spaß" und Ehre heraus - allein der Glückliche, der für den Millionär gefochten hat, kriegt auch 'n Batzen. "Freuen Sie sich?" - "Super."

Der Tanz um den Mammon ist in der Lotto-Show abstoßend, insofern als er die Macht des Geldes zur Psycho-Show hochpusht: "Für einen von Ihnen wird sich in wenigen Minuten das Leben verändern." Er, der Tanz, ist aber auch wieder auf eine erfreuliche Art volkstümlich: In einer Welt der Sportlichkeit kommen Serviererinnen, Volksschullehrerinnen und Feuerwehrleute auf die Siegertreppe. Und das tröstet ein wenig über die Großspurigkeit hinweg, mit der hier das Fernsehen Schicksal spielt und Taler regnen läßt.