Heute scheint die Sonne, aber gestern sah es übel aus. Am Morgen riß der Schnürsenkel, in Moskau brach das Chaos aus, in Tokio nahm die Depression kein Ende, über den Speersort jagten Sturmwolken, in New York schnappten die Makler nach Luft, Bischöfin Jepsen begrüßte die in Hamburg geplante standesamtliche Homosexuellenehe, der Dax fiel unter 4000, und Marcel Reich-Ranicki talkte im Turm.

Kaufen oder verkaufen? Die SPD-Aktien stehen gut, also abstoßen. Wer jetzt kein Holocaust-Denkmal hat, baut sich keines mehr. Der letzte, der dafür ist, heißt Kohl, und der wird im Oktober unruhig hin und her wandern, wenn die Blätter treiben. Jetzt muß man Schloß-Aktien kaufen, obwohl die FAZ dieser Tage ganzseitig gegen das "Spukschloß im Spreesand" plädierte. "Leere Plätze sind die Schmerzen der Geschichte", befahl die FAZ . Platz da für den Schmerz? Gehabte Schmerzen hab' ich lieber.

Wenn die Weltwirtschaftskrise kommt, haben es die Dicken am besten. Hunger ist kein guter Koch, sagt St. Siebeck, und der Wähler sagt sich, laß dicke Männer um mich sein, die nachts gut schlafen. Wer aber schläft noch gut? Die wilden Kurse hüpfen, daß sogar dem aktienlosen Sparkontoinhaber das Herz erzittert. Jetzt heißt es zugreifen, das sagt ein jeder. Gold billig wie nie, Deutsche Bank fast umsonst, Schloß fest, Holocaust im Keller, und bald sind Wahlen.

Nur Maria Jepsen ist gelassen. Sie sagt: "Gerade homosexuelle Paare brauchen die Möglichkeit zur Verbindlichkeit." Wie recht sie hat! Brauchen wir nicht alle die Möglichkeit zur Verbindlichkeit? Und ist nicht die Möglichkeit geradezu die Bedingung der Verbindlichkeit? Anders gesagt: Die Verbindlichkeit der Möglichkeit ist wie ein Sonnenstrahl in dunkler Zeit. Getrost sprechen wir mit der Bischöfin die Worte: Herr, es ist Zeit. Der Sommer war nicht groß, und dieser Herbst wird heiß.