Das neue Modewort heißt "unrund". Vermutlich soll das "kantig" heißen; Joschka Fischer - der "Joseph Fischer" heißt, wenn er in der FAZ gedruckt wird - schafft es nur bis "schartig". Er will nicht angepaßt sein. Er will sich von Gerhard Schröders Oberkellner-Gelenkigkeit so gut unterscheiden wie vom "Papa schneidet den Braten an"-Gestus eines Helmut Kohl, wenn dessen Braten auch nur ein falscher Hase ist. Was dabei herauskommt, wenn er spricht, ist die Dynamik des Reformhauses. Seine rhetorischen Künste sind so attraktiv wie der ökologisch korrekte Einkaufsbeutel aus Rupfen.

Bei seinen Reden - ob die am 7. Juni auf dem Parteitag in Bad Godesberg oder die vom 27. August in Potsdam - benutzt er als Verständigungskassiber die Figur des "Menschen wie du und ich": Geradezu kunstvoll verliert er den Faden, holpert zwischen "Druck ausgeführt", "sowohl - wie" und den "Säulen, auf denen der Kern des Magdeburger Programms beruht". Es ist die Bildersprache nicht des Lehrers, sondern des Klassenprimus. Mit dessen Eloquenz - mal mahnender Zeigefinger, mal flehend erhobene Hände - lüftet er voll betörender Inständigkeit das Geheimnis, daß zwei mal zwei gleich vier ist: Fast alles ist richtig, was er sagt; und fast nichts überzeugt. Da hilft auch so hübsches Raunen nicht vom "Wind, der Sturmcharakter annehmen wird". Denn wie die bunten Ballons, die seine Wahlhelfer an Kinder verschenken, sind seine programmatischen Sätze nur mit Luft gefüllt.

Seine Intelligenz weiß er meisterhaft zu verbergen

Das Ehrliche seiner Hilflosigkeit ist direkt berührend; gewiß, der Mann ist kein Scharlatan - nicht einmal das. Man sagt, er sei intelligent. Das weiß er meisterhaft zu verbergen. Zum guten Menschen fehlt ihm die Dimension eines Danton, zum bösen die des Robespierre. Um die berühmte Kennedy-Invektive (gegen den republikanischen Konkurrenten Richard Nixon im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf von 1960) umzudrehen: Einen Gebrauchtwagen würde man von ihm allenfalls kaufen, einen Neuwagen eher nicht. Weil das Neue an seiner Politik im Nebel seiner Lego-Begriffe verborgen bleibt.

"Es darf doch nicht wahr sein", fragt er großäugig - und dann klappert nach der Ansage "Liebe Leute" ein ganzes Kasperletheater auf seiner Holzbühne: die arme Krankenschwester; der böse Millionär; der Arbeitslose; der Jugendliche ohne Lehrstelle und schließlich als Ensemble "die Familien, die die Hauptesel der Lasten sind" und, man kann die Uhr danach stellen, "die Menschen in den neuen Bundesländern, die begreifen müssen". Außenminister will/soll der Mann werden? Dazu fiel schon weiland Theodor Fontane (über Wildenbruch) das Passende ein: "Armer Stümper, der sich einbildet, in Heinrich von Kleists Sattel weiterreiten zu können. Den Sattel hat er vielleicht, aber nicht das Pferd."

Der Mann ist keineswegs unsympathisch, wenn er da oben so verloren steht. Es ist wohltuend, wenn er daran erinnert, daß die Rote Armee nicht aus Lust und Tollerei bis Berlin kam, daß wir sie "einluden". Und seinen Ekel vor den Rechtsradikalen glaubt man ihm. Er hat weder die so oft aus der Grammatik rutschende Dummfrechheit eines Schäuble, der irgendwas von "New Yorker Bohemeviertel" faselt, wird ein neuer Kopf in der Politik vorgestellt (man hätte ihm einen Zettel mit Präsident Mitterrands Pariser Adresse zustecken sollen); noch hat er - "unglatt" heißt das zweite Modewort - die glatte Schläue des Advokaten Gysi. Er hat die "Glaubt mir doch"-Ehrlichkeit eines Sektenpredigers, weswegen er sich zu Floskeln wie "Geben Sie acht" und "Ich sage Ihnen" und "Ich gebe Ihnen einen Rat" flüchtet; doch diesem Hand-aufs-Herz-Pathos folgen Sprechblasen: vom Sozialstaat, der bezahlt werden muß; von den Arbeitsplätzen auf der Grundlage sozialer Gerechtigkeit; vom neuen Generationenvertrag. So geht das vom Stöckchen aufs Hölzchen. Die Rente ist nicht sicher? Wohl wahr. Aber wie denn zum Teufel, Herr Laienpriester, wird sie sicherer? Der Sozialstaat muß erneuert werden? Aber durch was und von was? Keine Silbe. Da muß sich die gläubige Gemeinde mit dem Weihewort "Lastenentlastung" begnügen. Ein wenig wenig. Wenn Sprache Denken ist, dann ist es mit dem Denken dieses Politikers nicht so glänzend bestellt. Mag sein, er ist von ehrbaren Impulsen getrieben - ausreichend will mir das nicht scheinen.

Joschka Fischer, das darf ihm bescheinigt werden, macht keine falschen Versprechungen. Aber auch keine echten Zusagen. Was er verabreicht, ist verbaler Lebertran. Wenn man dran glaubt, hilft der gegen alles. Um diese zähe Flüssigkeit an sein Publikum zu bringen, will er gelegentlich witzig sein; das gleitet dann auf Schülerzeitungsniveau ab - dem Selbstlob der PDS als "coole und geile Partei" meint er Paroli zu bieten, wenn er ausruft "Cool vielleicht für die Partei; geil eventuell für Gysi". Was hamwadajelacht. Seine Wortwahl von "Laden zusammenhalten" oder "Was man an politischen Muckis im Arm hat" ist so bieder wie anbiedernd.