Warum gibt's die überhaupt noch? Was treiben die? Wer guckt sich das an? Die freien Theater in Deutschland sind ein Ärgernis. Die Inflation der Öffentlichkeit und die Deflation des Kunstbegriffs in den vergangenen Jahrzehnten haben ihre Zahl ins Absurde gesteigert - 2000 sind es gegenüber 150 Stadt- und Staatsbühnen. Als "Bewegung" museumsreif geworden (30 Jahre '68!), als Personen ins gesetzte Alter getreten, stellen sie sich in eine Reihe mit den etablierten Theatern und rufen laut nach den Millionen der Kulturetats.

Frei sind die freien Theater hauptsächlich vom Wissen um Kunst. Bedenkenlos greifen sie nach den letzten Fragen und den schwierigsten Stücken - "Woyzeck", "Medea", "Godot". Wenn irgendwo im Theater das weibliche Urdrama entschleiert oder in den Mythos der Nacht eingetaucht wird, wenn Schauspiel und Heilkunst sich yogisch oder sämtliche Künste sich dionysisch vereinen, geschieht dies mit Sicherheit hier. Neue Darstellungsformen, zukunftsweisende Wahrnehmungsarten, alles irgendwie Erweiterte - das freie Theater erprobt es gerade. Avantgarde, längst eine aufgelöste Abteilung, hier arbeitet sie weiter. So ohne Geld und Selbstzweifel wie ehedem.

Da will eine andere Gruppe existentielles Fremdsein ausloten, sucht aber nicht mühsam nach Formen und Bildern, sondern greift sich das Verbrauchteste: die elegische Geste, den schleppenden Schritt, das verhallende Satzende nach raunendem Wort. Dichtet, ohne dichten, tanzt, ohne tanzen zu können. Statt des Lebensabgrundes tut sich ein nichtssagendes Loch auf.

Eine dritte Gruppe schließlich möchte, sehr löblich, einem Zug nachspüren, der sich, mit Zwangsarbeitern vollgepfercht, bei Kriegsende auf zerstörtem Schienenweg ins KZ befand. Man requiriert einen alten Güterwaggon und spielt Theater auf den Gleisen, was ja ganz von selbst Entsetzensbilder heraufbeschwört. Klettert nun zu watteweichen Saxophonklängen so elegisch auf dem Gefährt herum, reckt zu Folterberichten so barmend die Finger aus den Luken, daß das Gedenken zur Verhöhnung gerät.

Drei große Menschheitsthemen, dreimal Scheitern, drei Beispiele aus jüngster Zeit (die Namen der Akteure seien gnädig verschwiegen), die typisch sind für Hunderte Produktionen Jahr für Jahr. Und deren Hauptelend darin besteht, sich aufzublasen - während die Kunst sich in Beschränkung übt.

Aber auf einmal ist das Unbekannte da

Doch warum sich erregen! Stellen nicht auch die malenden Kunsterzieher einmal im Jahr ihre Werklein aus und verhindern dadurch mitnichten, daß gute, große Kunst entsteht? Gewiß. Doch anders als dort steht im freien Theater die Masse des selbstgerecht lärmenden Unvermögens wie eine Wand vor den wenigen guten Produktionen. Da auch hervorragende Gruppen entweder an den Stätten des Versagens auftreten oder an unbekanntem Ort, da kein Haus, kein Name Qualität garantiert, kann der Augenschein Spreu vom Weizen nicht trennen. Wer fünfzigmal Pfusch und Nichtigkeit durchlitten hat, schlägt - wie alle großen Feuilletons es tun - über die Szene als ganze das Kreuz. Was ein Fehler ist, ein großer.