Eine Sektion wird auf dem Frankfurter Historikertag nächste Woche im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen: "Deutsche Historiker im Nationalsozialismus". Als letzte akademische Disziplin wird nun auch die deutsche Geschichtswissenschaft vom dunkelsten Kapitel ihrer Geschichte eingeholt.

Die Verspätung ist kein Zufall. Denn gerade die Historiker waren besonders bereitwillig in den Dienst der braunen Diktatur getreten. Begeistert hatten sie das Ende der Weimarer Demokratie und den "nationalen Aufbruch" von 1933 begrüßt. Im Kriege hatten sie sich berauscht an der Vision eines von Germanien beherrschten europäischen "Großraums", und erst als sich mit Stalingrad die militärische Niederlage abzeichnete, war der eine oder andere nachdenklich geworden.

Nur eine kleine Minderheit - so das liebevoll gepflegte Selbstbild - habe sich dem Regime verschrieben; die große Mehrheit der Fachkollegen habe sich jedoch tapfer den Zumutungen des Nationalsozialismus verweigert. Wer an dieser Legende zu kratzen wagte, der bekam die eisige Ablehnung der Zunft zu spüren.

Mit dem kollektiven Schweigen ist es nun vorbei. Seit die Archive auch in Osteuropa geöffnet sind und jüngere Historiker keine Rücksichten mehr nehmen müssen auf die alten Seilschaften, sind immer neue, peinlichere Fakten zutage gefördert worden. Theodor Schieder und Werner Conze etwa, die Gründungsväter der modernen Zeit- und Sozialgeschichtsforschung in der Bundesrepublik, entpuppten sich als Vordenker der "Entjudung" in den besetzten Gebieten Osteuropas. Ein anderer Säulenheiliger, Karl Dietrich Erdmann, der sich nach 1945 zum Gegner des Nationalsozialismus stilisiert hatte, wurde als ganz gewöhnlicher Mitläufer kenntlich.

Nun dürfen wir gespannt sein, ob sich der deutsche Historikerverband zu einer längst überfälligen Geste entschließen kann: dem öffentlichen Eingeständnis von Mitverantwortung und Mitschuld der Historikerschaft am NS-Regime und an seiner verbrecherischen Politik. Volker Ullrich

Die Darwin-Finken von Galapagos gelten als das Paradebeispiel der Evolutionstheorie. Auf den isolierten Inseln haben sich im Laufe der Zeit ganz unterschiedliche Finken entwickelt. In der modernen Stadtwelt braucht es zur Isolation weder Inseln noch Berge. Eine U-Bahn als biologisches Labor genügt. So läßt sich eine Entdeckung britischer Wissenschaftler deuten. Beim Bau der Tube vor rund hundert Jahren hat sich in London eine neue Mückenart entwickelt. Ursprünglich zapften die Blutsauger namens Culex pipiens nur Vögel an. Ihre Untergrundnachkommen haben sich auf Mäuse, Ratten und U-Bahn-Fahrer spezialisiert. Das Mückenvolk läßt sich schon heute genetisch nach verschiedenen Linien unterscheiden - Bahnlinien, wohlgemerkt. Und die Evolution ist noch in vollem Gange: In weiteren hundert Jahren werden sich vermutlich einige Arten auf Berufspendler spezialisiert haben, andere saugen bevorzugt an Schulkindern. In den Lehrbüchern werden die U-Bahn-Mücken längst die Darwin-Finken verdrängt haben.