Es gibt diese Momente, in denen sie keinen Gedanken an Tennis verschwendet. In Tokio besuchte Martina Hingis das Musical "Cats", an einem spielfreien Tag in New York das Guggenheim-Museum. In Paris sah man sie im Louvre, Aug' in Aug' mit der Mona Lisa. Und in Hamburg?

Bei ihrem letzten Aufenthalt in der Hansestadt mietete die siebzehnjährige Weltranglistenerste am Flughafen ein Auto, ihre Mutter Melanie Molitor, zugleich ihre Trainerin, setzte sich ans Steuer. Gemeinsam fuhren sie über die Elbchaussee bis hinaus nach Blankenese. Einfach so, der "schönen Häuser" wegen und auch wegen des Gefühls, "wenn wir wollten, könnten wir eins kaufen".

Zweimal bereits hatte sie den Kinofilm gesehen, in welchen Städten dieser Welt es gewesen war, wußte sie zwar nicht mehr zu sagen. Doch noch immer erinnerte sie sich geradezu schwärmerisch an Jack und Rose, an "ihre Romanze", wie die Schweizer Tennisspielerin es nannte. Was die Frage nahelegte, ob auch sie zu Tränen gerührt war, als sie die Titanic untergehen sah? "Nein", antwortete sie, "so schnell geht das bei mir nicht."

Von sich aus kam Martina Hingis, die in dieser Woche bei den US-Open in New York, dem letzten Grand-Slam-Turnier der Saison, ihren Titel verteidigt, auf jenen Tag im April 1997 zu sprechen, als sie Steffi Graf von Platz eins der Rangliste verdrängte. "Ein schönes Gefühl, das war es schon, aber deshalb weinen? Das passiert mir nur bei traurigen Filmen, in denen Pferden Schlimmes passiert."

Als Treffpunkt für den gemeinsamen Ausflug hat sie die Lobby ihres Hotels an der Außenalster vorgeschlagen. Und wie sie es versprochen hat, tritt die weltbeste Tennisspielerin pünktlich aus dem Lift. Gekleidet in schwarze Jeans, zu denen sie eine weit geschnittene Lederjacke trägt, in der sie fast vollständig verschwindet und deren dunkelbraune Farbe die porzellanhafte Blässe ihres Gesichts unterstreicht.

12000 Stunden auf Fernsehschirmen präsent

Eine Erscheinung, nach der sich jeder gern umdreht, auch die Pagen und der Portier, der ihr "Viel Glück!" hinterherhaucht. Denn gleich einer Frohnatur lächelt sie immerzu. Jedenfalls sieht es so aus, auch wenn man sich durchaus fragen kann, ob sie eigentlich wirklich lächelt oder ob es vielleicht nur ihre natürlichen Gesichtszüge sind, die wie ein Lächeln aussehen.