Fünfunddreißig Grad. Fahrtwind zerzaust das Haar. Der Herr im schwarzen BMW nimmt die Kurven eng: nur ja dem Norden entfliehen! In den Hügeln Umbriens, ecco!, hat er ein Häuschen. Bella Italia, nirgends ein Schröderkopf, kein Weltklassekohl - läge da nicht auf dem Stuhl die Süddeutsche Zeitung. Er nimmt sie in die Hand, blättert sie durch, flüchtig fahren die Augen über die Seiten, doch jetzt bleiben sie ruhen, und er legt den Kopf etwas schräg - "schön, ein gutes Bild vom Kandidaten".

Ja? - Ja. Sonst rümpft er die Nase schnell: schlecht! Kopiert Müller! Und Müller ist ER, Konrad R.: 58, Photograph, Portraitist, künstlerischer Chronist. Das R. stand anfangs für Reinhard, doch nun heißt es Rufus, seit Österreichs ehemaliger Bundeskanzler Bruno Kreisky ihn so genannt hat.

Müllers Schröder-Kopf wird plakatiert. Seine Kohl-Portraits werden im Fernsehwahlspot eingesetzt. Als Plakate klebt die CDU weiterhin "Weltklasse für Deutschland" - nicht Müllers Werk. Vielleicht, sagt er, "waren den Wahlstrategen die Photos zu ehrlich". Müllers Bilder zeigen einfach nur einen 68jährigen Mann.

Macht zieht ihn an. Seine Macht ist die Kamera. Müller fragt Schröder: Gerhard, was möchtest du ausdrücken, wie dich zeigen? Und Schröder sagt: Du weißt eh, was du willst. Müller möchte ins Innere der Menschen hineingucken. Er nennt es: Haut abschälen. Persönlichkeit zeigen. Ihn interessiert, von Köpfen, "die jeder glaubt zu kennen, weil sie millionenfach schon reproduziert worden sind", ein eigenes Bild zu machen.

Ein Konrad R. Müller knipst nicht. Der wartet. Der sagt: Zeit ist mein Gut.

Der spricht von den Augen des Kanzlers. Bernsteinfarben, ganz toll, wie sie in diesem alten Gesicht stünden, endlich befreit von der Kassenbrille, "was hab' ich geredet, damit er sie nicht mehr trägt"; diese Augen also unter der Stirn, die - "schauen Sie einmal" - wie ein Schachbrett sei. Falten wie Striche, quer und senkrecht.

Zuerst hat er den Kanzler einfach ignoriert. "Ich habe ihn unterschätzt", und dann, 1988, als er immer noch an der Macht war, wußte er: "Ich muß ihn photographieren!" Er schrieb ihm einen Brief; Kohl kannte Müllers Mitterrand-Buch, gab ihm carte blanche und Termine. Gemeinsame Reisen, private Ausflüge; er hat sich diesem Gesicht ganz langsam genähert. Zwei Bildbände liegen inzwischen vor. Müller spricht von "freundschaftlichem Verhältnis", von "Partnerschaft", wo es "kein oben und unten" gibt. "Kohl hat zu meiner Arbeit blindes Vertrauen."