Die Todsünde begingen sie, als ihr Direktor in Amerika war. Sie haben ein Zimmer gestrichen, ohne vorher Bescheid zu sagen. Weil es gut geworden ist, haben Daniel und die anderen keinen Ärger bekommen. Aber in Ordnung ist so was nicht am Leibniz-Kolleg in Tübingen. Dergleichen sollte vorher abgesprochen und ausdiskutiert sein; wofür gibt es schließlich die Konvente am Donnerstag? Immerhin leben und studieren insgesamt 53 junge Leute in dem vierstöckigen Haus an der Brunnenstraße 34; da ist alles ein großes Miteinander. Auch hat der Direktor gerne unter Kontrolle, was im Kolleg passiert. Wer sein eigenes Ding machen will, nur studieren will, ist falsch im Kolleg. Und trotzdem kommen sie gerade wegen der Lehre.

Zum Lehrplan des Leibniz-Kollegs gehört seit seiner Gründung vor fünfzig Jahren ein Studium generale. Auf Initiative der französischen Militärregierung wurde das Kolleg 1948 eingerichtet - ursprünglich, um Studierwillige mit Notabitur fächerübergreifend in die Wissenschaft einzuführen und ihnen eine Berechtigung für die Universität auszustellen. Aber das war nicht das einzige Ziel. Die Alliierten wollten vielmehr einer noch durch die Nazizeit geprägten Nachkriegsgeneration ein neues demokratisches und geschichtliches Verständnis vermitteln. Persönlichkeiten wie Carl Friedrich von Weizsäcker, Theodor Heuss, Eduard Spranger und Romano Guardini haben damals am Konzept des Kollegs mitgearbeitet.

Nina (20), Abiturnote 1,0, sagt: "Das mündliche Abi war vorbei, und ich wußte nicht, was ich will." Daß sie studieren wollte, war klar, nur was? Dazu kam die Angst, daß die Uni sie "schlucken" würde, sie völlig auf ein Fach fixiere. Lieber erst mal ausprobieren, wozu sie Lust hat. "Die Bewerbung war Paniksache". Ein Jahr zur Orientierung.

Ortwin (22), der Älteste in diesem Jahrgang, hat nach dem Zivildienst die Aufnahmeprüfung fürs Cellostudium geschafft. "Ich hätte die Option gehabt, mein ganzes Leben Cello zu spielen." Plötzlich dachte er: "Immer nur Cello, das kann's nicht sein, ich muß vorher noch was anderes kennenlernen." Das "andere" suchte er im Kolleg. Ein Jahr zur Horizonterweiterung.

Katrin kommt aus einer Medizinerfamilie. Eltern, Großeltern waren alle Ärzte. Da ist es selbstverständlich, daß auch sie Medizin studiert. Aber ist sie sicher, ob sie das wirklich will? Katrin legte ein Jahr im Kolleg ein, um das herauszufinden. Ein Jahr zur Entscheidung.

Christoph kam wegen des Studium generale. Das Generalistische, sagt er, habe er immer gesucht. Ein Jahr für die Allgemeinbildung.

Das sind Begründungen, die Schulleiter Michael Behal jedes Jahr wieder zu hören bekommt. Leibnizianer seien vielseitig interessiert und "gezielt auf der Suche", sagt er. "Sie sind sich bewußt, daß das Leben ein Prozeß ist und man sich über diesen Prozeß klarwerden muß." Nachwuchssorgen hat das Kolleg nicht. Auf 53 Plätze bewerben sich jedes Jahr etwa viermal so viele Interessenten. Bewerber müssen auf drei bis vier Seiten ihre Intentionen schriftlich darlegen, werden dann ins Kolleg eingeladen und von einer Auswahlkommission, der auch Studenten angehören, geprüft. Ob jemand kollegtauglich ist oder nicht, sagt Michael Behal, entscheiden nicht Noten und Wissen, sondern vielmehr die Art und Weise, wie jemand sich darstellt, wie jemand zum Beispiel Probleme anpackt.