In den nächsten Wochen stehen in der Europäischen Union bisher einmalige medizinische Feldversuche riesigen Ausmaßes und mit ungewissem Ausgang bevor: Nach ungewöhnlich intensiver Medienberichterstattung über die "Pillen zum Wohlfühlen" brennen Millionen Bürger darauf, endlich mit Hilfe von Tabletten wieder potent oder schlank zu werden. Drei wirksame Dopingmittel für Tisch und Bett sollen demnächst das pharmakologische Arsenal der modernen Lifestyle-Medizin ergänzen. Die Pharmafirmen Pfizer, Hoffmann-LaRoche und die BASF-Tochter Knoll hoffen, unterstützt von einer Heerschar Urologen und Diätdoktoren, die Lebensqualität vieler Menschen zu heben und nebenbei einen Multimilliardenmarkt zu erschließen. Gespannte Erwartungen richten sich vor allem auf drei Medikamente:

-Das Potenzmittel Viagra (Pfizer) hat formal bereits grünes Licht von der Europäischen Arzneimittelbehörde Emea in London und von der zugehörigen Brüsseler Verwaltung für die Vermarktung in der EU bekommen. Lediglich die Unterschrift des EU-Kommissars Martin Bangemann fehlt noch. Insider erwarten sie nach den deutschen Bundestagswahlen Ende September. Dann dürfte eine Erektion auf Privatrezept für 20 bis 26 Mark, je nach Dosis, zu haben sein. Die gesetzlichen Krankenkassen bereiten sich schon jetzt auf juristische Klagen von Patienten vor, die eine Verschreibung von Viagra als Kassenleistung durchsetzen wollen.

-Der Appetitzügler Reductil ist ähnlich wie Viagra bereits in den USA mit einigen Warnhinweisen zugelassen, aber noch nicht in der EU. Die BASF-Tochter Knoll hofft, mit Reductil bereits vor Jahresende auch Europäer verschlanken zu können. Dieses Medikament gaukelt über die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin dem Hirn Sattheit vor. Der Preis für die subtile Hirnwäsche dürfte ebenfalls bei knapp 200 Mark monatlich liegen (in den USA kostet die Tagesration drei Dollar).

Allen drei Medikamenten ist gemeinsam, daß sie nicht heilen, sondern nur helfen, Schwächen wie Impotenz oder Eßsucht vorübergehend zu überwinden. Das verschafft den Unternehmen Langzeitkunden. Die Zeitschrift Wirtschaftswoche schätzt die erwarteten Jahresumsätze für Viagra auf weltweit fünf Milliarden Mark und für die beiden Schlankmacher auf je knapp eine Milliarde Mark.

Klinische Tests haben die Wirksamkeit der drei Medikamente bewiesen, was freilich nicht heißt, daß sie frei von Nebenwirkungen wären. Etliche sind schon bekannt, doch oft werden gravierende Entdeckungen erst bei einem breiten Einsatz von Medikamenten gemacht. So sind bereits Appetitzügler vom Markt zurückgenommen worden, weil sich im nachhinein herausstellte, daß sie Schäden an Herz und Lunge verursachen. Da bei den neuen Lifestyle-Medikamenten ein massenhafter Einsatz relativ wenig erprobter Stoffe bevorsteht, droht ein Problem, das sich bereits am Beispiel von Viagra abzeichnet: Nach Angaben der US-Arzneimittelbehörde FDA wurden in den wenigen Monaten seit der Zulassung 123 Todesfälle mit dieser Pille in Verbindung gebracht, allein in den Vereinigten Staaten waren es 69 Tote.

Allerdings gehen bei weitem nicht alle Opfer auf das Konto von Viagra, einige der Todesmeldungen ließen sich im Nachhinein gar nicht genau überprüfen. Dennoch bleiben mehr als drei Dutzend Fälle, in denen Viagra eingenommen wurde und der Patient wenige Stunden oder Tage danach starb. Nach Auffassung der FDA und der Herstellerfirma besteht derzeit kein Grund, an der Sicherheit von Viagra zu zweifeln, "solange es unter ärztlicher Aufsicht und nicht zusammen mit unverträglichen Substanzen eingenommen wird".

Im übrigen, betonen Viagra-Befürworter, war Geschlechtsverkehr in fortgeschrittenem Alter - der älteste Viagra-Kunde verblich mit 87 - stets ein lebensgefährlicher Akt. So haben schon ungezählte Bordellbesucher, ob Arbeiter, Bischof oder König, diese Etablissements mit den Füßen voraus wieder verlassen, meist äußerst diskret. Genau dieser Mantel der Diskretion verbirgt auch das aktuelle Problem. Verläßliche Zahlen, wie oft und in welchem Alter sexuelle Akte natürlicherweise tödlich enden, gibt es nicht. Die Frage, wie viele Todesfälle im direkten oder indirekten Zusammenhang mit der Einnahme nicht lebensnotwendiger Medikamente tolerierbar sind, dürfte noch zu heftigen ethischen und gesundheitspolitischen Debatten führen.