Die schönen Lieder nennt er "hebräisches Gebrüll", er will, daß jeder polnisch redet und nicht jiddisch, und im übrigen kann er Dr. Korczak nicht ausstehen. Mojsche ist dreizehn, verbreitet die muffelige Laune eines Pubertierenden, 1939 kommt er ins Waisenhaus in der Krochmalnastraße.

Nein, er will sich nicht mehr daran erinnern, Mojsche Schuster lebt 1995 in Tel Aviv, hat es satt, nach Korczak gefragt zu werden, nach dem Warschauer Ghetto. "Ich scheiße auf meine Pflicht", faucht er den jungen Mann vom Radiosender an. Jeder kennt die Geschichten, recht hat er, und doch sind sie so nicht erzählt worden. Karlijn Stoffels, geboren 1947, heißt seine Stimme.

Mojsche bleibt skeptisch, während Rejsele dem Dr. Korczak folgt, wo immer er sie braucht. Als die Deutschen das Ghetto bauen, muß auch Korczaks Waisenhaus umziehen, hinter den Stacheldraht. Mojsche setzt sich vorher ab, verschwindet als Kurier im Untergrund, begibt sich auf eine Odyssee durch Polen, landet schließlich in jener "Wüste" Israel, die er immer abgelehnt hatte, während Korczak mit den Kindern an der Hand ins Vernichtungslager geht.

Eine seltene Kunst, wie Karlijn Stoffels all diese Fragen und Probleme mit ein paar Dialogen anreißt und im ungewissen stehenläßt. Wie auch soll man in der Hölle den richtigen Weg bestimmen? Und immer wieder dieser eine Satz. ",Aber du weißt ja, was der Doktor sagt: Ein Kind hat das Recht auf seinen Tod.' - ,Was?' - ,Wenn man einem Kind alles verbietet, was gefährlich ist, dann stirbt es vielleicht nicht, aber leben tut es auch nicht.'"

Als Mojsche sich schließlich Marek nennt, nach Krakau geht, auf einem polnischen Bauernhof unterschlüpft, Kutteln, Preßkopf und Sülze vom Schwein essen muß und von der Bauerstochter handgreiflich enttarnt wird, fühlt er sich öfter als Mojsche, sehnt sich nach Rejsele, die im Ghetto blieb. Er will ihr den Text ihres Lieblingsliedes bringen, den er beim Komponisten Mordechaj Gebirtig in Krakau bekommen hat, eines Liedes mit dem Titel "Rejsele". Doch als er sie trifft, kennt sie den Text bereits, von einem anderen. "Ich habe eine Nachricht übermittelt, die niemand braucht", meint Mojsche. Es ist nur die halbe Wahrheit: Die Nachricht kennen wir aus vielen Büchern, ihr Klang ist entscheidend.

Bis zum Schluß behält Mojsche Schuster seine Distanz, seine knochentrockenen Kommentare, seine schlechtgelaunte Perspektive. Neben all der Rührung, Poesie und Spannung - es tut dem Buch unendlich gut. Und übrigens, es gibt ein glückliches Ende, das der Trauer und dem Schrecken nichts nimmt, dem Leser aber ein paar wohltuende Tränen schenkt.

LUCHS 141 wurde ausgewählt von Doris Dörrie, Mirjam Pressler, Jens Thiele und Konrad Heidkamp. Am 7. September 1998, 16.30 Uhr, stellt Radio Bremen 2 seinen Hörern den Roman vor (Redaktion: Marion Gerhard). Das Gespräch mit dem Rezensenten ist abrufbar im Internet auf den Seiten von Radio Bremen .