Als Bill Clinton vor eineinhalb Jahren Boris Jelzin in Helsinki traf, ging der Amerikaner wegen einer Beinverletzung an Krücken. Diesmal konnten sie sich aufrecht begrüßen und waren doch wie gelähmt. Die beiden politischen Invaliden hatten viel zu besprechen, die Haltung zum Nahen Osten, die Nuklearrüstung, die internationale Finanzkrise. Doch was soll man verabreden, wenn der eine vom anderen nicht weiß, was dieser zu Hause noch durchsetzen kann? So wurde der Besuch Clintons in Moskau zu einem Gipfel des Schulterklopfens, der moralischen Unterstützung, des Mach-mir-Mut-bevor-ich-verzage. Vor allem Boris Jelzin hat derlei Zuspruch bitter nötig. Als der Amerikaner ihm bescheinigte, er sei "hart wie russisches Schwarzbrot", blühte Jelzins Gesicht auf wie im ganzen Krisensommer nicht.

Solche Komplimente macht ihm in Rußland niemand mehr. Boris Jelzin wird seinem Vorgänger Michail Gorbatschow immer ähnlicher, der kurz vor seinem Rücktritt Applaus im Westen erntete und im eigenen Land die verachtende Ablehnung der Menschen ertragen mußte. Clintons Besuch von dieser Woche illustrierte erneut, daß Jelzins beste Freunde, nachdem er acht Jahre an der Macht ist, jenseits der russischen Grenzen sitzen. In Moskau und den Regionen hingegen trompeten Parlamentarier und Streikende ihre Rücktrittsforderungen heraus, während Mitarbeiter der Präsidialadministration pianissimo wissen lassen, daß ihr Chef es wohl nicht mehr allzulange mache.

Die Kommunisten wittern zum ersten Mal seit der verlorenen Präsidentschaftswahl 1996 eine greifbare Chance, Jelzin zu stürzen. Am Montag dieser Woche peitschte die größte Duma-Fraktion die Stimmung gegen Wiktor Tschernomyrdin auf. Nach der Ablehnung im Parlament hat Jelzin den bereits amtierenden Ministerpräsidenten sofort wieder vorgeschlagen. Bei früheren Ernennungen knickte die Duma stets am Ende ein. Doch die Kommunisten könnten diesmal das Pokerspiel um Kompromisse, Stimmen und Ministerposten ausreizen. Müßte Jelzin nach der dritten Ablehnung Tschernomyrdins das Parlament auflösen, können die Kommunisten bei Neuwahlen in der Wirtschaftskrise auf noch mehr Stimmen und Sitze hoffen. Das reichte für eine Totalblockade, noch nicht für die Regierungsübernahme.

Jelzin holt nun der Hochmut ein, mit dem er sich in den vergangenen Jahren über das Parlament hinweggesetzt hat. Wenn die Duma ein Gesetz nicht verabschiedete, dekretierte er es eben. Anstatt selbst regelmäßig vor dem Parlament zu sprechen, schickte er nur einen Beauftragten zur Beeinflussung von Abstimmungen hinter den Kulissen. Wann immer es Jelzin gelegen erschien, wechselte er ohne Erklärung die Regierung aus und konfrontierte die Duma mit einer neuen Mannschaft. Die durfte dann zustimmen, nicht mitreden. Auch jetzt stellt der Präsident Tschernomyrdin ohne Konsultation zur Abstimmung. Er handelt dabei im Rahmen der Verfassung. Doch es ist nicht die rechtliche Prozedur, sondern die monarchische Attitüde, mit der sich Jelzin die Duma zum Feind gemacht hat.

Besonders auffällig ist dies bei der liberalen Jabloko-Fraktion . Anders als die von Planwirt schaft und Imperium träumenden Kommunisten hätte die Bewegung von Grigorij Jawlinskij die natürliche Verbündete aller Reformkabinette sein können. Gleichwohl blieb sie stets in Opposition zur Regierung. Jawlinskij wollte hofiert und konsultiert werden und hätte sich sicher auch gern einmal als Premier versucht. Doch Ideen und Ratschläge von Jabloko interessierten Jelzin und seinen Stab weniger als einzelne Politiker, die sie dem gekränkten Jawlinskij ausspannten. Jelzin gewann auf diese Weise talentierte Minister, die in seinen Wackelkabinetten verbrannten, während er Jawlinskij als Alliierten verlor.

Die Unfähigkeit zur Kontaktpflege, zum gezielten Lob, zur schmeichelnden Geste behindert Jelzin auch im Umgang mit den Regionen . Viel zu selten besuchte der Moskauer Herrscher die ferne Provinz, viel zuwenig Mühe verwendete er auf die Stärkung von Republiken und Gebieten, die seine Hausmacht hätten sein können. Aus der vergleichsweise wohlhabenden Stadt Nishnij Nowgorod rekrutierte die Präsidialadministration immerhin einen Ministerpräsidenten und einen Vizepremier. Doch als Nishnijs Einwohner einen mutmaßlichen Millionenbetrüger und Kremlgegner zum Bürgermeister wählten, war auch diese Hochburg geschleift.

Jelzins möglicher Erbe kommt aus der Provinz: Lebed