Der Schriftsteller Robert Schneider sieht die deutsche Seele vom Zynismus bedroht, wie seinem Aufsatz im Spiegel zu entnehmen ist. Woher, fragt Schneider, kommt "diese enorme Mutlosigkeit, das Eis des Zynismus zu brechen"? Und gibt selbst die Antwort: "Deutschland hat Angst vor sich selbst." Und weiter: "Deutschland hat Heimweh, brennendes Heimweh nach einem neuen Ton des Miteinander... Deutschland hat wieder ein Recht auf Traurigkeit, denn es ist immer ein schwerblütiges Land gewesen und allzuoft unglücklich." Mir fällt es schwer weiterzulesen, wenn solcherart über "Deutschland" (oder "den Menschen", "die Frau", "das Leben") verfügt wird. Es ist mir dann sofort ganz gleich, ob die Politik endlich wieder kann, der Mensch bekanntlich soll oder Deutschland immer schon hat.

Das klingt wie ebender von Schneider beklagte Zynismus. Er sei fern von mir! Mit Robert Schneider bin ich der Überzeugung, deutsche Frauen und Männer müßten endlich "fähig werden, ihren Schmerz und ihre Verletzbarkeit zu zeigen, ihre Ehre zu verteidigen" - und will zum Beweis meiner Aufrichtigkeit mit einer peinvollen Anekdote vorangehen: Letztens rief mich eine australische Journalistin an, die in Berlin auf Recherche war, eines Hinweises wegen. Ich konnte sie leider nur kurz am Telephon sprechen, was sie als Affront auffaßte. Sie würde vielleicht noch einmal nach Berlin kommen müssen, sagte sie maliziös: Sie habe die Stadt nämlich bisher nur als "Hauptstadt der Hundescheiße" und der Unfreundlichkeit kennengelernt - und sie sagte das in einem Ton, mit dem man altbekannte Wahrheiten preisgibt. Ich habe zwar irgend etwas Beifälliges ins Telephon gemurmelt, aber insgeheim war ich doch tief beleidigt. Ich spürte jenes von Robert Schneider beschriebene "mächtige, wenn auch schwer greifbare Gefühl vom Verlust der Heimat, innerlich wie äußerlich".

Über den Zynismus in Deutschland hat übrigens ein wirklicher Dichter, der aus Berlin nach Hamburg übergesiedelte Max Goldt, gerade einen erhellenden kleinen Aufsatz veröffentlicht - "Ist es zynisch, im Wohnzimmer zu frühstücken?" (In dem Band "Ein gelbes Plastikthermometer in Form eines roten Plastikfischs", Revonnah Verlag Hannover, Lilienstraße 21, 30167 Hannover): "Normalerweise frühstücken wir nicht im Wohnzimmer, aber sonntags frühstücken wir im Wohnzimmer. Auch feiertags, also auch am 26. 12. und Ostermontag. Wir wissen aber noch nicht, wie wir uns verhalten werden, wenn der Pfingstmontag als gesetzlicher Feiertag abgeschafft wird, um die Pflege alter und behinderter Menschen in den östlichen Bundesländern zu gewährleisten. Vielleicht würden wir es als zynisch empfinden, trotzdem im Wohnzimmer zu frühstücken. Andererseits: Vielleicht frühstücken die älteren und behinderten Menschen ja selber im Wohnzimmer und denken nicht im Traum daran, sich zu überlegen, ob das zynisch ist, im Wohnzimmer zu frühstücken, während jene, die es durch den Verzicht auf den Pfingstmontag erst ermöglichen, daß andere, die vielleicht gar kein Wohnzimmer haben oder nur ein ganz kleines, überhaupt was zum Frühstücken haben und aus Solidarität mit diesen Menschen an abgeschafften Feiertagen in der Küche sitzen und mit Stielaugen in Richtung Wohnzimmertür schielen."