Da bleiben die Luft weg und der Mund vor Staunen offen. Wie mit der Spritztülle hochgezogen, reckt sich eine umgekehrte Eistüte aus einem leicht gewellten weißen Bau, flankiert von einem gelb glitzernden Stoßzahn und einer satt hingeklecksten Sahnehaube. Ein Mäuerchen, gesäumt von bizarren Sternzeichenskulpturen, umgibt die Anlage, eine breite Brücke über ein Rinnsal führt zum Eingang. Kaum haben sich die Türen geöffnet, umfängt den Besucher ein kunterbunter Wirrwarr aus Säulen, Bildern, Röhren, Fliesen, Tischen, Theken, Stühlen. Wo ist er hineingeraten? Zweifelsohne in ein Gesamtkunstwerk. Durch das allerdings schlendern Leute mit Tabletts: Gulasch mit Teigwaren zu 14,50 Mark, hundert Gramm Salat zu 2,30 Mark, doppelter Kaffee zu 5,40 Mark.

Illertal-Ost, gelegen an der Autobahn A7 Memmingen-Ulm, ist Deutschlands erste Kunst-Raststätte. Dirk Rockrohr, der Pächter, kennt sich aus im Geschäft und war auf der Suche nach etwas Besonderem, inspiriert von dem, was er an Österreichs Autobahnen gesehen hatte. Da traf es sich gut, daß Baden-Württembergs Verkehrsministerium fragen ließ, ob er an einer neuen Raststätte mit Standort Illertal-Ost interessiert wäre, Rockrohr einen Investor zur Hand hatte und durch einen Freund auf einen österreichischen Innenarchitekten aufmerksam geworden war. Im März 1996 wurde der erste Spatenstich getan, am 19. November 1997 die in Deutschland bislang einzigartige Raststätte eröfffnet.

Illertal-Ost bietet 212 Plätze, verteilt auf sechs Bereiche, und noch einmal rund 120 auf den Terrassen. Alles Selbstbedienung. Mit der Kreditkarte kann man faxen, telephonieren und kommt ins Internet. Vom Bankautomaten bis zum Billardtisch fehlt kaum etwas.

Rein, eine Wurst runterschlingen, schnell aufs Klo und wieder weg, dieses Prinzip allerdings läuft hier nicht. Und das ist Kalkül: Wer einmal gefangen ist von dem Übermaß an Gestaltung, kommt so schnell nicht wieder los. Schlendern, starren, staunen. Und dann bleibt man doch zum Essen, auch wenn man gar nicht wollte.

Im "Bistro Camëlione" zum Beispiel, wo ständig die Beleuchtung zwischen Rosa, Lila oder Grün changiert und auf den Tischdecken Sonnenblumen blühen. Oder in der "High Fish Bar". Hier starrt man in ein Aquarium, das bei näherem Hinsehen gar kein echtes ist. Selbst in die Lehnen der blauen Stühle sind Fischchen geritzt. Kinder toben eine kleine Rutsche hinunter oder hocken aufgeregt vor dem Bildschirm. Der hohe luftige "Wintergarten" geht über ins "L'Elégant", wo sich bunte Sofas in verwegenen Formen schwingen und die Lüftungsschächte an den Decken wie futuristisches Design wirken.

Wer mit seinem Tablett im "Landhaus" landet, kommt wieder in eine andere Welt. Fachwerk, Dielenboden, Kachelofen und Bauernschrank, 200 Jahre alte Kirchenbänke. Nur schüchtern trauen sich die Besucher in die vornehm-rustikale Dekoration.

Vom Foyer führt eine mosaikverzierte Treppe ins Obergeschoß. Hier finden die Kinder noch einmal einen Tummelplatz. Zwischen Wänden, die geschmückt sind von Zweigen, aus denen tulpenförmige Lampen wachsen, und auf einem Boden, in den die Sternzeichen eingelassen sind, warten Billardtische, Kicker, Videospiele. Der Investor der vierzehn Millionen Mark teuren Anlage machte schließlich sein erstes Geld als Spielautomatenaufsteller.

"Kommen wir jetzt ins Märchenland?" fragt ein Mädchen, "das ist ja wie Disney", rutscht es einem Knirps heraus. Nicht mehr ganz so junge Besucher allerdings sollen das Kunstwerk als zu bunt und zu wirr oder schlichtweg als Kitsch deklariert haben. Manch Erwachsener fühlt sich an Hundertwasser erinnert oder zeigt sich beeindruckt von der "Außergewöhnlichkeit" des Designs. Der Feststellung "Das ist nicht so steril wie die üblichen Raststätten" läßt sich schwer widersprechen. Eine Befragung ergab eine überwältigend positive Resonanz, merkt Geschäftsführer Ulrich Waimer an.

Einfach "wohl fühlen" sollen sich die Leute, meint Herbert Maierhofer zu seinem Stilkunterbunt. Den Autobahnstreß auf der Strecke, die besonders von Urlaubern befahren wird, vergißt man bestimmt beim Blick auf die scheckigen Wandfriese, die vielen verschiedenen Bilder und die Lampen, bei denen man immer wieder eine neue verrückte Form entdecken kann, bei den Männchen, die auf einem Deckengemälde tanzen, den Fußböden mit ihrem farbenfrohen Durcheinander, an dem die Fliesenleger acht statt der üblichen eineinhalb Stunden pro Quadratmeter gearbeitet haben. Fast ein Viertel der Bausumme hat die Kunst verschlungen.

Raststättentoiletten können ein Greuel sein. Anders in Illertal-Ost. Vogelzwitschern erfüllt den Raum. Als hätte man Lastwagenladungen zerbrochener Fliesen abgeladen und an die Wände geklebt, so präsentiert sich der Waschraum: ein wildes Mosaik aus Scherben, geblümt, gestreift, gepunktet.

Beim Hinausgehen sagt eine Frau, das Klo sei so schön, daß man eigentlich nur schauen und gar nicht müssen sollte.