Ein wohlmeinender Freund riet mir vor der Abreise in den Sudan: "Nimm genug zu essen mit." Dieser Rat kommt mir überflüssig vor, als ich im Unicef-Camp von Lokichokio im Norden Kenias eintreffe. Hier, am Ausgangspunkt aller Hilfsflüge in den Südsudan, gibt es überreichlich zu essen. Am Eingang zur Messe hängt ein Computerausdruck mit dem Tagesmenü. Lunch: Gazpacho, Salat, kalter Braten, Irish Stew, Tempura-Gemüse, Ugali mit Ziegenbraten, Reis, Käseplatte, Karamelpudding. Dinner: Soup St. Germain, Texanisches Hähnchen, Crêpes mit Zwiebeln, Pilzen und Auberginen, Kokoskuchen, Zitronenmousse. Kein Wunder, daß die UN-Bürokraten, die tagsüber vor ihren Monitoren und abends an der Bar sitzen, überflüssige Pfunde wegjoggen müssen.

Ein paar hundert Kilometer später kreisen Geier unter uns. Anflug auf Billing im Südsudan. In der Hitze brütendes Brachland, von Wasserläufen durchzogen; nach dem Regen ist die Savanne grün. Ich bin vor ein paar Stunden in Lokichokio gestartet, vom gigantischen Flugzeugverschiebebahnhof aus, auf dessen erweiterter Piste Transportmaschinen vom Typ Herkules und Buffalo fast im Minutentakt landen und aufsteigen. Sie fliegen Lebensmittel für eine Million Hungernde in den Südsudan. Es ist die größte Hilfsaktion seit der Berliner Luftbrücke. Eine Neuauflage der Operation Desert Storm, wenn man so will, und wie diese logistisch perfekt organisiert, nur daß die Menschen am Boden nicht mit Tomahawk-Raketen und Cruise-Missiles bombardiert werden, sondern mit Maissäcken.

Wir setzen in Billing zur Landung an. Unter mir Rundhütten mit geflochtenen Dächern, die wie Afrofrisuren aussehen. Am Rand der Piste stehen nackte Kinder mit aufgetriebenen Bäuchen und Hirten vom Volk der Dinka, auf Stöcke gestützt, und werfen begehrliche Blicke auf die Lebensmittel, die aus dem Laderaum der Buffalo gehievt werden. Nach einer Schrecksekunde - ist denn niemand über unser Kommen informiert? - kurvt ein Landrover über das Rollfeld auf uns zu. Ich steige in den Wagen. Kurzer Halt in Billing: ein halbes Dutzend Hütten, gruppiert um einen Unterstand, der vor Bombenabwürfen der sudanesischen Luftwaffe Schutz bieten soll. Ein aus Kenia entsandter Arzt schiebt sein Fahrrad vorbei, das hier, wie anderswo das Auto, Statussymbol ist. Fahrt durch tropischen Sekundärwald, der die von Einwohnern verlassenen Dörfer überwuchert. Links und rechts der Piste mannshohe Sorghumfelder, aber die Gegend wirkt menschenleer, nur ein Jäger mit Leopardenfell und ein nackter Mann winken uns vom Wegrand zu.

Die Ortseinfahrt nach Rumbek wird von einem Panzerwrack flankiert. An der nächsten Ecke steht ein zerschossener Traktor, neben einem mit Holz und Wellblech befestigten Laufgraben, aus dem Unkraut wächst. Der Boden ist übersät mit großkalibriger Munition, Spuren der Kämpfe vom 1. Mai 1997, als Rumbek nach kurzem, blutigem Gefecht von der Befreiungsbewegung des Südsudan, SPLA, erobert wurde. Die 600 hier stationierten Soldaten aus dem Nordsudan, im Volksmund "Araber" genannt, sollen sich in die von der Regierung gehaltenen Städte Bor und Juba abgesetzt haben. Rumbek, zur Kolonialzeit Sitz eines District Commissioner mit Alleen, mit Kirchen und Moscheen, ist heute eine Geisterstadt. In der Staatsbank grasen Kühe, und die zerstörten Häuser sind mit arabischen Graffiti, die zum Heiligen Krieg aufrufen, und mit Einschußlöchern gesprenkelt. Nur zögernd kehrt die einheimische Bevölkerung, die nach dem Einmarsch der sudanesischen Armee 1986 in den Busch geflohen ist, in die Ruinenstadt zurück.

Wie in allen von der SPLA befreiten Gebieten des Südsudan gibt es zwei Träger staatlicher Autorität: die militärische, erkennbar an der geschulterten Kalaschnikow, und die zivile Gewalt, deren Symbol der am Revers befestigte Kugelschreiber ist. Die Arroganz der Macht zeigt sich an ihren Accessoires: Im Unterschied zur hungernden Bevölkerung und zu den nackt herumlaufenden Vertriebenen sind Militär- und Zivilbeamte stets gut gekleidet und wohlgenährt; sie tragen Kleider und Schuhe (!) - und fahren mit Phoenix-Fahrrädern aus chinesischer Produktion herum.

Ähnlich wie bei den Roten Khmer, wo der Mann mit dem Kugelschreiber über Leben und Tod entschied, führen die Rebellen penibel über alles Buch. Jeder fremde Besucher wird namentlich registriert und bekommt einen als Dolmetscher getarnten Aufpasser zugeteilt, der Kontakte zu den Einheimischen nicht erleichtert, sondern erschwert; anstatt meine Fragen zu übersetzen, beantwortet er sie lieber selbst.

Das Elend ist unvorstellbar, das mir beim Rundgang durch Rumbek auf Schritt und Tritt entgegenschlägt. Den 12000 Einwohnern stehen 13000 Vertriebene gegenüber, die nach Hungermärschen durch den Busch völlig ausgepumpt hier eintreffen, barfuß, in Lumpen oder ganz nackt; viele Männer tragen Frauenröcke, weil keine anderen Kleider zur Verfügung stehen. Und obwohl mehrere Hilfsdienste am Ort vertreten sind - Lutherischer Weltbund, Oxfam, Tearfund und IRC (International Rescue Committee) -, gibt niemand Kleider oder Decken an die notleidende Bevölkerung aus. Wirtschaft und Verkehr finden nicht mehr statt. Viele Straßen sind vermint, und zu kaufen gibt es fast nichts. Der kenianische Schilling dient als Zweitwährung, da sudanesische Pfund kaum noch aufzutreiben sind. Auf dem Markt werden wilde Pflanzen verkauft: Palmnüsse, Blätter und Wurzeln, mit deren Hilfe die Dinka Dürreperioden im allgemeinen überstehen. Aber im Frühjahr blieb die Regenzeit aus, ein Teil des Saatguts wurde aufgegessen, und die Lebensgrundlage der Nomaden, das Vieh, mußte notgeschlachtet werden.