Wissenschaftler leben in der Hingabe an ihren Gegenstand. Sie kann sich in extremen Fällen zur Obsession steigern. Von einem solchen Fall, in dem sich kompromißlose Gründlichkeit aufs innigste mit Schwärmerei des Geistes verband, soll hier berichtet werden.

Unsere Geschichte beginnt mit der Entdeckung des italienischen Arztes Luigi Galvani, daß ein präparierter Froschschenkel durch elektrische Ströme gereizt werden konnte. Das war um das Jahr 1780. Galvani hatte zwei Metallpole aus Zink und Silber mit den hinteren Extremitäten des Amphibiums verbunden. Brachte man die beiden Metalle miteinander in Kontakt und schloß damit den Stromkreis, zeigte der Froschschenkel eine sogenannte galvanische Aktion; sprich: er zuckte.

Als sich im Januar 1799 der Dichter Novalis bei der befreundeten Caroline Schlegel nach dem Befinden des Physikers Johann Wilhelm Ritter erkundigt, teilt diese ihm - durchaus gehässig und in Anspielung auf die Experimentierwut, die Galvanis Entdeckung bei den Zeitgenossen ausgelöst hatte - aus Jena mit: "Was kann ich Ihnen von Ritter melden? Er wohnt in Belvedere und schickt viel Frösche herüber, von welchen dort Ueberfluß und hier Mangel ist. Zuweilen begleitet er sie selbst, allein ich sah ihn noch nie, und die Andern versichern mir, er würde auch nicht drei Worte mit mir reden können und mögen."

Nun hatte Johann Wilhelm Ritter zeit seines Lebens Besseres zu tun, als an der Verfeinerung seiner Manieren zu arbeiten. Die von der Schlegel beklagte Wortkargheit Ritters ist ebenso legendär wie sein besessenes Experimentieren. Ein Fall, der auch heute noch, nach zweihundert Jahren, merkwürdig aktuell anmutet.

Am 16. Dezember 1776 im schlesischen Samitz geboren, war der Pfarrerssohn zunächst einmal in eine Apothekerlehre gegangen. In dieser Phase deutet noch nichts auf den späteren Physikus und Experimentator hin. Ritter läßt sich, noch nicht zwanzigjährig, als Apotheker in Liegnitz nieder. Doch schon nach wenigen Monaten erträgt er die Einförmigkeit des Pharmazeutendaseins nicht mehr. Erstmals kommt jene geistige Unruhe offen zum Ausdruck, die den jungen Mann von nun an nicht mehr verlassen und sich in den späteren Jahren traurige Formen annehmen wird. Zum wahren Forschergeist - zur Wissenschaftlichkeit. Rastlos und unausgefüllt, gibt Ritter 1795 die gesicherte bürgerliche Existenz auf und macht sich auf den Weg nach Jena. Sein Vater hatte dort Theologie studiert, der Filius will sich in der Chemie und der Physik beweisen. Es gelingt ihm mit Bravour. Noch im Jahr der Immatrikulation veröffentlicht Ritter seine erste Arbeit, eine chemische Analyse. Der Fürst der zeitgenössischen Naturwissenschaft, Alexander von Humboldt, wird auf den jungen Studenten aufmerksam. Humboldt tut etwas aus der Perspektive des heutigen Wissenschaftsbetriebs Unglaubliches: Er fordert Ritter 1797 zu einer Kritik seines soeben erschienenen Galvanismus-Buches auf - der Professor bittet also den Studenten um Evaluation. Ritter läßt sich nicht zweimal bitten.

Der junge Wissenschaftler schickt dem berühmten Naturforscher umgehend "zehen Bogen", das sind nach heutiger Lesart etwa 160 Seiten Text. Humboldt ist angetan, veröffentlicht einige Passagen aus Ritters Kritik und verschafft ihm auf diese Weise eine Eintrittskarte in die wissenschaftliche Welt.

Zur Ostermesse 1798 erscheint dann jene Arbeit, die Ritter endgültig bekannt macht. Es handelt sich um den "Beweis, daß ein beständiger Galvanismus den Lebensproceß im Thierreiche begleite".