Cambridge, Massachusetts

Anfang August landeten acht junge amerikanische Journalisten zu einer zweimonatigen Mission in Deutschland. Zur gleichen Zeit schwärmten zwölf junge deutsche Journalisten nach Amerika aus. Als Stipendiaten des Arthur-F.-Burns-Programmes, eines jährlichen Austausches von Reportern, das nach dem verstorbenen US-Botschafter in Bonn benannt ist, haben sie eine simple Mission zu erfüllen: Sie sollen die matten Klischees durchleuchten, die von amerikanischen wie deutschen Medien so oft benutzt werden, wenn sie über das jeweils andere Land berichten. Das war auch mein Ziel im Sommer vor drei Jahren, in dem ich als Burns-Stipendiat nach Berlin kam.

Betrachten wir, was die amerikanischen Medien in diesem Jahr über Deutschland, einen wichtigen Verbündeten und das aufsteigende Kräftezentrum, berichteten. Anfang des Sommers registrierten die Fernsehsender den 50.Jahrestag der Berliner Luftbrücke, indem sie Schwarzweißfilme von Westberlinern zeigten, die 1948 dankbar Nahrungsmittel und Kaugummi von US-Soldaten empfingen. Die Amerikaner lieben dieses ältere Deutschland, das besiegte und von den GIs besetzte, die unterwürfige Nation von gestern mit ihren Trachtenkapellen. Es spielte keine Rolle, daß das im Film gezeigte belagerte Volk noch ein paar Jahre zuvor Hitler die Treue geschworen hatte. Das Aufziehen der triumphierenden Flaggen der Alliierten machte es auch diesen Deutschen möglich, Gott auf ihrer Seite zu haben, wie Bob Dylan es einmal ironisch gesagt hat. Das heutige Deutschland - dasjenige, das allmählich zur großen Macht in Europa wird, während es sich gleichzeitig von Amerika entwöhnt - ist jedoch eine andere Geschichte.

Amerikaner, von oft selbstgefälligen Medien geleitet, sind schnell bereit, das Schlimmste von einem vereinigten und unabhängigen Deutschland zu erwarten. So verschaffte der Verkauf des Verlages Random House an den Bertelsmann-Konzern amerikanischen Reportern wieder einmal eine Gelegenheit, abgedroschene Hinweise auf deutschen Militarismus unter die Leute zu bringen. Die liberale Wochenzeitung The Nation nannte den Kauf "Anschluß", die Zeitschrift Vanity Fair schrieb über einen "deutschen Blitzkrieg im amerikanischen Verlagswesen", als sei gerade ein Panzerkorps dabei, die 50. Straße Ost hinunterzurollen.

Als die DVU dreizehn Prozent der Stimmen in Sachsen-Anhalt gewann, beschworen die USMedien schnell das Gespenst des Neonazismus. Das Getöse der rechtsradikalen Spinner brachte die Amerikaner - oder zumindest amerikanische Reporter - dazu zu sagen: "Da sind sie wieder", so als würden fünfzig Jahre Demokratie über Nacht aus dem Leim gehen.

Gleichzeitig wird den Deutschen nur wenig Kredit für den Eifer gegeben, den sie im Umgang mit den Dämonen ihrer Vergangenheit aufbringen. Die Deutschen haben nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur ihre Wirtschaft, Demokratie und Kultur wiederaufbauen müssen, sie mußten auch ihre nationale Seele zurückgewinnen, die sie 1933 an den Teufel verkauft hatten. Sie haben dies getan und gleichzeitig ihre Demokratie und Wirtschaft wiederbelebt. Sie sind zum verläßlichen Partner bei der Verteidigung der Freiheit geworden. Erfolgsgeschichten dieser Art - besonders jene, die auf nüchterner Reflexion und Reue beruhen - werden in den meisten amerikanischen Nachrichtenredaktionen jedoch nicht gerade als "sexy" angesehen. Auch in amerikanischen Wohnzimmern kommen Hungersnöte, Flutkatastrophen und neonazistische Punks besser an.

Deutschlands Rolle als Amerikas Freund hat sich seit den Tagen des Kalten Krieges verändert, aber sie ist nicht unwichtiger geworden. Das Land ist nicht länger Amerikas Schüler in Sachen Demokratie, sondern ein gleichwertiger Partner bei der Verbreitung von Freiheit. Warum also beschwören amerikanische Reporter immer noch die Schrecken der Vergangenheit, wenn eine kleine Gruppe von Fanatikern in das Parlament eines kleinen ostdeutschen Bundeslandes einzieht? Warum bemühen sie Erscheinungsbilder von Terror und Krieg, wenn ein deutscher Medienkonzern einen amerikanischen Verlag kauft, um Literatur und Rätselbücher zu produzieren? Warum würdigen sie mit solcher Berichterstattung nicht nur das unsagbare Leiden der Opfer von Nazideutschland herab, sondern auch noch die Bußfertigkeit einer ganzen Nation? Hoffen wir, daß auch die Burns-Stipendiaten dieses Jahres die alten Klischees mit frischem Blick durchschauen.