Anfang 1992 führten Boris Jelzin und sein damaliger Ministerpräsident Jegor Gajdar die Marktwirtschaft mit quasi bolschewistischen Methoden ein. Der Zweck heiligte die Mittel. Um die Rückkehr der Kommunisten zu verhindern, aber ohne Rücksicht auf die historischen Gegebenheiten, sollte das kapitalistische Wirtschaftswunder mit einem einzigen Instrument schlagartig geschaffen werden. Freie Preise und freier Warenverkehr sofort, lautete das Rezept westlicher Berater. Doch dieser Zaubertrank wurde einem Lande verordnet, das noch weitgehend mittelalterlichen Naturaltausch praktizierte.

Sieben Jahre später ist auch das Resultat bolschewistisch. Wie zum Ende der alten Sowjetunion hat eine aufgestaute, verdeckte Inflation alle Wachstumshoffnungen untergraben. Nur führte diesmal nicht die dogmatische Kommandowirtschaft ins Verderben, sondern ein von wachsender Staatsverschuldung kaschiertes schwarzes Loch im Haushalt. Boris Jelzin reagierte auf den Schwund aller Mittel im Lande wie schon seine kommunistischen Vorgänger. Er wechselte permanent Minister und ganze Kabinette aus. Höhepunkt der eigenen Ohnmacht und Bankrotterklärung war die "Runderneuerung" von Wiktor Tschernomyrdin. Noch vor fünf Monaten hatte der Präsident den Regierungschef als unfähig entlassen. Dann holte er ihn unter dem panischen Druck der neuen Finanzoligarchen als politisches "Schwergewicht" (so Jelzin) zurück. Damit hat sich der Kreis von "Reformen" und Rotationen geschlossen.

Doch das Unterhaus des Parlaments pokert am Rande des Abgrundes. Es will vor allem Jelzin soweit wie möglich entmachten. Mit Tschernomyrdin stand sich die Volksvertretung stets weitaus besser als mit dem Präsidenten und seinem Majordomus Anatolij Tschubajs. Sie beide waren die Haßobjekte, weil sie das frei gewählte, aber wildwüchsige Parlament mit seinen reaktionären Spitzen nie eines Dialoges für wert erachteten.

Für manche westlichen Fachleute und Wirtschaftsexperten wie auch für eigenständige russische Politiker dagegen würde die Bestätigung Tschernomyrdins nicht die Umkehr in die Finsternis bedeuten. Sie wäre vielmehr der einzige "Schritt, um die heutige Situation noch unter Kontrolle zu halten". Mit dieser Formel hat Rußlands populärster Mann, der Exgeneral Alexander Lebed, zur Unterstützung des amtierenden Ministerpräsidenten aufgerufen.

Der Ingenieur des zweiten Bildungsweges, "rote Direktor" und breitschultrige Patriarch des Energie- und Rohstoffsektors ragt wie ein Fossil aus einer Vergangenheit, die viele schon für überwunden hielten. Doch Rußlands neue Gründerzeit war eine Selbsttäuschung, die von westlichen Beratern noch weiter hochgeredet wurde. Gemessen an den jungen, skrupellosen Verhökerern des Staatsbesitzes hat der politische Saurier Tschernomyrdin wenigstens eine von Verantwortung geprägte Lebenserfahrung eingebracht und auch gezeigt - wie 1995 bei seinem mutigen Widerstand gegen den Überfall der Kriegspartei Jelzins auf Tschetschenien.

Die Schule der sozialistischen Direktoren, aus der Tschernomyrdin stammt, nahm einst zumindest die Fürsorgepflicht gegenüber den Werktätigen der eigenen Unternehmen ernst. Die heute zu Finanzmoguln aufgestiegenen Jungkommunisten hingegen haben die Abschöpfung des Kapitals ohne jede Rücksicht auf das Wohl von Land und Leuten betrieben.

An der Verramschung des Staatsvermögens ist Jelzin schuld