Wegen der schweren, vielfältigen Krise Rußlands ist die Welt in Aufregung. In den vergangenen Tagen sind die Börsianer übernervös geworden. Wer die steile Talfahrt an den Aktienmärkten der gesamten Welt betrachtet, der mag sich Sorgen machen, die russische Krise könne in eine Weltwirtschaftskrise einmünden. Demgegenüber muß ein Realist auf die ökonomischen Tatsachen hinweisen: Rußland hat zwar zwanzigmal so viele Einwohner wie die Schweiz, das russische Sozialprodukt ist aber kleiner als das schweizerische.

Mit ihrem Pro-Kopf-Einkommen standen die Russen 1995 auf der gleichen Ebene wie die Menschen in den Entwicklungsländern Namibia und Peru sowie auf den Fidschiinseln - heute stehen die Russen wahrscheinlich darunter. Für die Weltwirtschaft sind Rußlands Ein- und Ausfuhren nur ein kleiner Faktor. Selbst für den völlig unwahrscheinlichen Fall, daß innere politische Konvulsionen den Ausfall aller russischen Erdöl- und Erdgasexporte bewirken sollten, würde ein Anstieg der jetzt extrem niedrigen Weltmarktpreise für Öl und Gas keine weltweite Krise auslösen.

Auch eine große Zahl westlicher und japanischer Banken, Investmentfonds und anderer privater Finanzinstitute sind mitschuldig; denn sie haben sich von Jakarta bis Seoul und von Mexico City bis Moskau leichtfertig in fremden Finanzmärkten engagiert. Sie vertrauen darauf, daß ihnen im Falle einer Zahlungsschwierigkeit des Empfängerlandes der Weltwährungsfonds (IWF) oder die heimatliche staatliche Kreditabsicherung aus der Bredouille helfen würde (in Deutschland durch Hermes-Bürgschaften, das heißt durch den Steuerzahler).

Der IWF ist gleichfalls mitschuldig; denn er hat bisher jedesmal dazu geholfen, daß die privaten Auslandsgläubiger mit einem blauen Auge davongekommen sind. Aber jetzt sind die Kassen des Weltwährungsfonds leer - beinahe möchte man sagen: Gott sei Dank. Der IWF hat nur eine beschränkte Urteilskraft; vor einem Jahr hat er beispielsweise für Thailand ein Wachstum von 3,5 Prozent 1998 vorhergesagt, für Indonesien 3 Prozent. Auch die Ökonomen in Washington können sich schwer irren.

Wenn Japan seine Dollar abstößt, gerät Amerika in arge Nöte

Die Krise der Wirtschaftsmacht Japan muß auf der Welt eine ungleich größere Besorgnis auslösen als die Krise der Weltmacht Rußland. In der Weltwirtschaft hat Japan im Vergleich mit Rußland mindestens das fünfzehnfache Gewicht. Japan ist immer noch der bei weitem größte Kapitalexporteur der Welt, es verfügt über die größten Währungsreserven aller Staaten; sie bestehen zum allergrößten Teil aus Dollarforderungen an das Schatzamt in Washington. Sofern Japan zur Bewältigung seiner Krise seine Dollar verkaufen sollte, käme Amerika in arge Finanznöte.

Bis zum Herbst des vorigen Jahres - bis zum Beginn der Kredit- und Währungskrisen in Südostasien - wurden in Japan die Bankenkrise und die tiefgreifende Rezession ausschließlich im eigenen Haus gemacht: leichtfertige Kredite zur Finanzierung des Kaufs von Aktien und Immobilien zu irrsinnigen Preisen; eine leichtfertige Duldung der sieben Jahre währenden Überschuldung der Banken durch Finanzministerium und Bankenaufsicht, bis die "Blase" platzte, die sogenannte bubble-economy zusammenbrach und die überhöhten Preise fielen ; dazu eine unfähige Regierung nach der anderen. Die Krisen in Südostasien und in Korea haben inzwischen die Lage der japanischen Banken zusätzlich erschwert. Das fleißige, genügsame japanische Volk hat heute kaum ein größeres Vertrauen in seine Politiker als die leidenden Russen in die ihrigen.

Japan bedarf keiner Assistenz von außen, es kann sich selbst helfen. Wahrscheinlich bedarf es dazu einer politischen Selbstreinigungskrise. Rußland muß sich selbst helfen, jedwede Hilfe von außen kann nur sehr begrenzte Wirkung haben. Die törichten westlichen Ratschläge, eine achtzig Jahre alte, staatseigene Kommando und Rüstungswirtschaft in einem schnellen Aufwasch auf eine zivile Marktwirtschaft umzustellen, haben mehr Schaden angerichtet als Nutzen gestiftet. Weitere IWF-Kredite würden heute nur verplempert und im währungspolitischen Ergebnis bestenfalls die immense russische Kapitalflucht ausgleichen. Rußland muß sich vor allem anderen eine funktionstüchtige Regierung schaffen.

Dank Deng Xiaoping und heute dank Zhu Rongji ist die Umstellung der Wirtschaft im gigantischen Entwicklungsland China bisher ungleich erfolgreicher verlaufen als in Rußland - weil man schrittweise vorgeht und weil man ein innenpolitisches Chaos vermieden hat. Auch China braucht keine Ratschläge von außen. Die Gefährdung der chinesischen Exporte durch die Währungsabwertungen seiner asiatischen Wettbewerber ist ohnehin durch den IWF nicht zu beheben. Vermutlich wird China auch die schweren sozialökonomischen Folgen der Flutkatastrophe ohne wesentliche Auslandshilfe überwinden können.

Deutschland ist hinter den Vereinigten Staaten und Japan der drittgrößte Faktor der Weltwirtschaft. Die deutsche Arbeitslosigkeit ist um ein Vielfaches höher als die japanische, höher als jemals seit 1932. Sie ist weitestgehend selbst gemacht, zum Beispiel durch Übereifer des Gesetzgebers und Überregulierungen, durch gefälligkeitsorientierte Steuer- und Sozialpolitik und durch Versäumnisse in Forschung, Entwicklung und Innovation. Deutschland braucht weder Hilfe noch Ratschläge von außen. Auch bei uns kommt es - wie in Rußland, wie in Japan, wie in China, wie in Korea oder Indonesien, wie überall in der Welt - in allererster Linie auf die Weichenstellungen im eigenen Hause an.

Wenn der jetzige Wahlkampf beendet sein wird - der oberflächlichste seit Jahrzehnten -, wird man erkennen: Das Gerede von "Wende" oder "Aufschwung" war nur Gerede, die Strukturprobleme sind dieselben wie vor einem halben Jahr, sie verlangen nach einer großen nationalen Willensanstrengung und deshalb nach Führung. Und eigentlich ist unser Volk dazu bereit und fähig.

Ist also die Furcht vor einer globalen Wirtschaftskrise in Wahrheit übertrieben? Nicht ganz. Denn die technisch globalisierten Finanzmärkte sind gefährlich, ganz besonders der sich in Sekundenschnelle vollziehende kurzfristige Kapitalverkehr des hot money mit all seinen Spekulationen und Psychosen - siehe die Reaktionen der internationalen Börsen auf eine Kleideraffäre des amerikanischen oder eine Krankheit des russischen Präsidenten.

So wie der internationale Luftverkehr selbstverständlich weltweit akzeptierter Regeln und Kontrollen bedarf, so brauchen wir dringend Regeln für den internationalen Geldverkehr. Hier ist nicht von realen Investitionen in Infrastrukturen, in Fabriken und Maschinen die Rede, auch nicht vom kreditfinanzierten internationalen Handel mit Waren und Investitionsgütern, sondern vielmehr vom telephonischen und elektronischen internationalen Handel mit Währungen, mit Aktien und Wertpapieren aller Art, mit Optionen, Swaps oder tausend anderen Derivaten. Dieser kurzfristige Verkehr ist heute den nationalen Bankaufsichtsbehörden und den nationalen Zentralbanken fast vollständig entglitten; aber er kann - wie in Indonesien, Thailand oder Malaysia - ganze Volkswirtschaften entwurzeln.

Die Finanzderivate entstanden, weil die Vereinigten Staaten 1971/72 die festen Wechselkurse aufhoben. Langfristig wird das Gewicht des Euro zu größerer Stabilitiät der Wechselkurse beitragen. Aber kurzfristig brauchen wir eine dreifache Initiative:

1.Die von Spekulation bedrohten Staaten müssen ermutigt werden, sich gegen kurzfristigen Geldzufluß aus dem Ausland abzuschirmen.

2.Die Industrie- und Finanzstaaten brauchen gemeinsam eine Ausweitung der Kompetenzen ihrer Bank- und Finanzaufsichtsbehörden.

Eine solche Initiative wird kaum von den Vereinigten Staaten ausgehen - schließlich sind die USA das Ursprungsland des spekulativen Raubtierkapitalismus. Sobald Deutschland wieder eine handlungsfähige Regierung hat, sollten Bonn und Paris und London gemeinsam die Initiative ergreifen.

Als in den siebziger Jahren die von der Opec ausgelöste Ölpreisexplosion die Weltwirtschaft erschütterte, haben Paris und Bonn Konzept und Anstoß für einen Weltwirtschaftsgipfel gegeben (heute sind diese Treffen leider zu Medienspektakeln heruntergekommen). Im Herbst 1998 ist eine politisch vergleichbare, dieses Mal auf den kurzfristigen Kapitalverkehr gezielte gemeinsame Anstrengung des Westens fällig. Denn die Funktionstüchtigkeit des freien Welthandels und der hoch arbeitsteiligen globalen Wirtschaft ist für sechs Milliarden Menschen wichtiger als die exzessive Freiheit einiger zehntausend habgieriger Dealer und Manager, die auf den kurzfristigen Finanzmärkten herumtoben.