Europa im Jahr 1998: Der ganze Kontinent ist vom Kapitalismus verblendet, vom Konsum verseucht. Der ganze Kontinent? Nein, ein kleines gallisches Dorf, pardon: eine kleine Lüneburger Zeitschrift wehrt sich noch. Gestärkt durch den Zaubertrank der Kritik und das Vorbild ihrer Oberhäuptlinge Adornix und Horkheimerix, streiten die kapitalismuskritischen Kämpen unbeeindruckt für Wahrheit und Solidarität und so weiter. Im neuen Heft (Zeitschrift für kritische Theorie, 6/98

zu Klampen Verlag, Lüneburg 1998

131 S., 24,- DM) bringt Hermann Schweppenhäuser den Reiz der kritischen Theorie prägnant auf den Punkt: "Die Art der Verhältnisse des konzeptiv Differenten (in seiner geistigen Einheit) in solchen Distinktionen ist die des konstellativen, konfigurativen und dialektischen Verhältnisses (ein historisch Substantielles) und keines von ,Sprachspielen.'" Schon klar, denken wir, aber vielleicht liegt das ja alles an Lüneburg. Wohl nur im Heideidyll kann man noch Sätze schreiben wie: "Der Film ist das Propagandainstrument par excellence" (Schweppenhäuser). Ganz erstaunlich finden wir das alles, denn noch das letzte Heft (5/97) hatte uns mit vorzüglichen Beiträgen von Christoph Menke und Willem van Reijen überrascht.

Diesmal aber ist die kritische Theorie so richtig kritisch. Besonders, wenn sie kritisiert wird. Da hat sich doch 1996 ein Mensch namens Martin Asiáin erdreistet, in einer Dissertation von Adornos "parataktischem Orakelpathos" zu schreiben. Schon zwei Jahre später ist der faule Zauber aufgeflogen, und Klaus Baum nimmt sich den sauberen Herrn Asiáin mal so richtig zur Brust: "In Adorno bekämpft er seine Projektionen. Es entbehrt nicht der Tragikomik ..."

Wohl wahr, wohl wahr: Nur Helmut Thielen bewahrt in diesem ganzen Globalisierungsgewusel noch kosmopolitisch den Überblick. Wo Gefahr ist, da wächst bekanntlich das Rettende auch. Thielen hat es in Mexiko entdeckt. "Die Zapatistas können die Keimzelle einer neuen Gesellschaft sein ... Sie sind gegen den Kapitalismus und gegen den Staat." Mexiko, denken wir da, muß irgendwo in Lüneburg liegen.