Lolly heißt mit Spitznamen der Held und Ich-Erzähler. Zwanzig Jahre ist er alt. Und da seine Jugend die erzählerisch bestimmende Eigenschaft darstellt, fängt der Roman, in dem Lolly die Probleme mit der Halberwachsenheit ausbreitet, ganz plausibel mit einer Tirade an. Lolly zieht über die Mütter her. Über den heutigen Typ Mutter, genau gesagt, wie seine eine ist: konfus und egoistisch, bindungsscheu und hedonistisch. Unreif, mit einem Wort. Historisch gesehen liegt Lollys Tirade im Trend. Die sogenannte Nach-68er-Generation, der diese gut vierzig Jahre alten Nullmütter entstammen, kreist seit geraumer Zeit als Phänomen der Hohlheit durch das öffentliche Bewußtsein.

Es ist einleuchtend, warum sich der Berliner Schriftsteller Ralf Rothmann mit einem Kind dieser Generation befaßt. Rothmann ist 45 Jahre alt, als Erfinder von Lolly könnte er, biographisch, auch dessen Vater sein. Lolly wuchs bei den Großeltern im Ruhrpott auf. Dann geht er nach Berlin, wo er ohne Lebensplan in Gelegenheitsjobs herumtrudelt und sich mit Komplexen wegen seiner Schüchternheit und seiner unmännlichen Schultern herumschlägt. Er ist uneins mit sich und der Welt, was ihm einen ständigen Unruhezustand beschert und dem Roman eine klassische Erzählvoraussetzung. Lolly ist der interessante Fall eines modernen Waisenkindes, in dem die Eltern zwar nicht gestorben, ihre familialen Positionen aber dennoch unbesetzt geblieben sind. Lollys Vater ähnelt einem netten jungen Onkel, seine Mutter einer flippigen älteren Schwester. Da aber nichts die Phantasie so fasziniert wie das Abwesende, ersehnt sich Lolly - von Triumphen bei Mädchen einmal abgesehen - nichts so sehr wie ein stinknormales Familienleben. Als Inbild traditionellen Kinderglücks malt Lolly sich das Mitmachen beim Sankt-Martins-Zug aus, das Mittragen eines hell leuchtenden Lampions. In dieses Glücksbild fährt er mit seiner Mütterbeschimpfung. Denn nie im Leben hätten die heutigen Mütter, miserabel und vergeßlich, wie sie sind, in ihren mit Firlefanz vollgestopften Taschen einen Ersatzlampion dabei für den katastrophalen Fall, daß der erste Lampion ihres Sprößlings in Flammen aufginge.

Diese Szene, mit dem Sankt-Martins-Zug, der Tasche, den zwei Leuchten, enthält en miniature den ganzen Roman, seinen Impetus und sein Programm.

Sankt Martin, der dem christlichen Liebesgebot entsprungene Heilige der Wohltätigkeit und Barmherzigkeit, fungiert als moralischer Schirmherr des Romans. Genau genommen tat er das auch in früheren Romanen. Die Schwierigen, Zurückgebliebenen, Behinderten wurden vom Autor immer mit mehr Zuneigung behandelt als die Eitlen, Glatten, Kapitalismustauglichen. Aber da in Lollys Welt die Sehnsucht nach Nestwärme eine eklatante Rolle spielt, geht es in seiner Erzählung besonders sozial korrekt zu. Lolly teilt sich beispielsweise die Toilette mit einer alten Frau, die dann und wann nicht mehr ganz dicht ist. Und auch wenn Lolly nachts mit seiner Freundin nach Hause kommt, nimmt er den Lappen in die Hand, um die stinkende Bescherung von den Wänden der Toilette zu putzen.

Vor allem aber findet sich im Bild des Sankt-Martins-Umzugs das durchgreifende Leitsymbol des Romans: die Tasche der Mütter. Serienweise kehren Beutel, Höhlen, Rundungen, kehrt, kurz gesagt, das Uterale wieder. Der Roman "Flieh, mein Freund" hätte die Erfindung einer neuen Gattung verdient, der Gattung des Ödipalromans. Abgesehen davon, daß der Autor seinen Erzähler mit dem klassischen Attribut der Blindheit, mit einer verdunkelten Brille, herumlaufen läßt, gelingt es ihm, den Roman bildlich und narrativ aus zwei weiblichen Rundungen zu entwickeln: aus dem Bauch der Mutter und dem Po von Lollys Freundin.

Diese Freundin, die Lolly zum ersten Mal so richtig glücklich macht, heißt Vanina. Leider sieht sie nicht so aus wie Frau Schiffer. Sie ähnelt figurmäßig eher einer Birne. Lolly schämt sich in der Öffentlichkeit für das Riesenhinterteil seiner Liebsten. Wegen ein paar Gramm an der falschen Stelle muß er durch das Fegefeuer von Liebeszweifel und Liebesprüfung hindurch. Und er schämt sich, christlich auch darin, für seine Scham. Aber man versteht Lolly sofort. Man fühlt und leidet mit ihm. In der Darstellung solch juveniler Klemmen, in der Darstellung des Paradoxes eines abgeklärten Frühlingserwachens überhaupt ist Rothmann, zwar nicht gerade unsentimental, aber doch ziemlich unschlagbar.

Allerdings hat er seinen jungen Helden noch nie so weihevoll aus der Not geholfen wie in diesem Buch. Auch nicht so inzestnah. Lollys seelische Heilung vollzieht sich als spiritualisierte Bettszene mit der Mutter. Zum allerersten Mal in seinem Leben darf Lolly sich an die Mutter kuscheln, um sich in ihrem Arm auszuweinen. Dann zieht er ein bißchen ihren Pullover nach oben und legt seine Hand auf den Bauch, aus dem er kam.

Ein Mix aus George Steiner und Sozialisationsroman

Die bauchförmige Auswölbung, von der der Roman so gefesselt ist, findet sich sogar in seiner dramaturgischen Form: einem langen Exkurs, in dem von den vergangenen Zeiten erzählt wird, als Lollys Mutter mit Lolly schwanger war, sich in Südamerika als Drogenschmugglerin versuchte, in der Schweiz inhaftiert und sofort nach der Geburt von ihrem Kind getrennt wurde. Es ist nicht ganz klar, wer eigentlich der Erzähler dieser zwanzig Jahre zurückliegenden Abenteuergeschichte ist. Von der notorisch abwesenden Mutter kann Lolly so detaillierte Kenntnisse, streng genommen, nicht haben. Aber es handelt sich um den spannendsten, konsistentesten Teil des Buches

um Passagen, in denen der Text vom auktorialen Mitteilungsbedürfnis und von der Mitsprache des Autors befreit ist. Hier redet Lolly, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Er redet in einer Kunstsprache, die den Alltagsjargon heutiger Zwanzigjähriger darstellen soll. Aber unter Rothmanns Anleitung wird der Jargon immer wieder instrumentalisiert und zum Rollenkostüm. Dann sagt Lolly: "Die Bibel ist wirklich ein Hammer." Oder: "Wenn ich schreiben würde, würde ich über Wunderbares schreiben."