Wer hat die niedrigste Arbeitslosenquote und die meisten Selbständigen im Land? Bayern natürlich. Wo sind die Staatsschulden am geringsten, und wohin zieht es die High-Tech-Investoren? In den Freistaat selbstverständlich. Wie heißt das einzige Bündnis für Arbeit in deutschen Landen? Beschäftigungspakt Bayern - na klar.

Gleich welche ökonomische Rangliste in diesen Tagen von Ministerpräsident Edmund Stoiber und seinem Wirtschaftsminister Otto Wiesheu aufgestellt wird, die zwölf Millionen Altbayern, Franken, Schwaben und "Zuagroasten" finden sich ganz vorne wieder. Erich Sennebogen, Präsident der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft, preist den "Standort Bayern" in den höchsten Tönen.

Der Münchner Topberater Roland Berger bescheinigt der weißblauen Technologiepolitik serienweise "Volltreffer". Und selbst die Gewerkschaften stimmen in das Loblied ein. "Bayern steht gut da", sagt der bayerische DGB-Chef Fritz Schösser.

Oppositionsführerin Renate Schmidt (SPD) hat vor den bayerischen Landtagswahlen am 13. September einen schweren Stand. Denn wem hat der einstige Agrarstaat den Aufstieg zum Vorzeige-Industrieland zu verdanken? Der Staatsregierung und der (Staats-)Partei CSU natürlich. Das möchte der perfekt geschmierte Propagandaapparat der Staatskanzlei in München glauben machen - insbesondere seit Saubermann Stoiber 1993 im Land der "Spezln-Wirtschaft" das Kommando übernahm. Tatsächlich aber hat der relative Erfolg dieser Tage viele Väter - und nicht alle Blumen sind auf dem Mist der CSU gewachsen.

Nach dem Krieg war Bayern ein Bauernland mit wenigen "industriellen Inseln" wie München, Augsburg oder Nürnberg. Doch der Freistaat gehörte zu den Kriegsgewinnern: Siemens zog von Berlin nach München, BMW und Audi bauten im Osten verlorene Standorte hier wieder auf. Den richtigen Push gaben freilich die ins Land strömenden Menschen: Vertriebene Sudetendeutsche ("der vierte Stamm"), aber auch Unternehmer aus der Sowjetzone suchten einen Neuanfang im sicheren Alpenvorland.

In dieser "Mischung", so glaubt auch der frisch gekührte IHK-Präsident für München und Oberbayern, Claus Hipp, liege die Wurzel des Aufstiegs. Neben potenten Großkonzernen bildet eine "breite Basis solider mittelständischer Betriebe" (Sennebogen) das ökonomische Rückgrat des heutigen Bayern. Hipp und Sennebogen, die neuen Spitzenrepräsentanten der weißblauen Wirtschaft, sind beredte Beispiele dafür: Der sanfte Biokostpionier Hipp behauptet sich gegen Multis wie Nestlé, und Bauernsohn Sennebogen hat seine Baumaschinenfirma durch alle Branchenkrisen gesteuert. Obwohl "fast jeder seine Stallschuh' noch am Gang stehn hat" (Hipp), spielt die Land- und Forstwirtschaft ökonomisch kaum mehr eine Rolle: Weniger als vier Prozent der Erwerbstätigen erwirtschaften nur noch ein Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Selbst im Vergleich zum "Musterländle" Baden-Württemberg habe Bayern die zukunftsträchtigere Wirtschaftsstruktur - modernere Industrien und mehr Dienstleistungen - zu bieten, sagt Berater Berger.

Ein Faible für Industriepolitik zeichnete die bayerischen Landesfürsten - seit 1962 ununterbrochen von der CSU - schon immer aus: Die Erdölpipelines von den italienischen Mittelmeerhäfen und die Kernenergie verschafften Bayern billige Energie. Wehrtechnik, Luft- und Raumfahrtindustrie wurden massiv gefördert. Berger: "Ohne Franz Josef Strauß gäbe es keinen Airbus." Dabei verstanden es die Bayern besser als andere Länder, sich aus fremden Kassen zu bedienen: Bonn zahlt, Bayern profitiert, heißt bis heute das Lieblingsarrangement der Bayern-Lobby. Die Olympischen Spiele 1972 nutzte die schwarze Staatsregierung in trautem Einvernehmen mit dem roten Oberbürgermeister Jochen Vogel dazu, der Landeshauptstadt zur modernen Infrastruktur zu verhelfen, nebenbei fiel das zugkräftige Image der "Weltstadt mit Herz" ab. Selbst Milliardenflops wendet Bayern zu seinem Vorteil: Den Rhein-Main-Donau-Kanal bezahlt der Bund, die bayerische Baubranche profitiert