Zwischen Malern und Tapezierern gibt es erstaunliche Unterschiede, auf die auch der aufgeweckte Mensch so ohne weiteres nicht kommt. Tapezierer fahren mit ihrem Auto vorsichtiger als Maler. Dies ergibt jedenfalls eine interne Statistik der Allianz Versicherung. Als Belohnung wird der Marktführer mit acht Millionen Fahrzeugpolicen Tapezierern ab Oktober einen Rabatt auf die Versicherungsprämie anbieten. Insgesamt 107 Berufe sollen mit Nachlässen von fünf bis fünfzehn Prozent in der Autohaftpflicht sowie in der Teil- und Vollkasko bedacht werden. Den mit fünfzehn Prozent höchsten Rabatt können Bank- und Finanzkaufleute verbuchen. Juristen, Betriebs- und Volkswirte können sich auf zehn Prozent Nachlaß freuen.

In einer langjährigen Untersuchung seien mehr als eine halbe Million Daten von Allianz-Kunden erhoben worden, heißt es in München. Auch Haushalten mit kleinen Kindern und Hauseigentümern, die ihr Gebäude bei der Allianz versichert haben, will der Konzern mit Rabatten entgegenkommen. Für viele Autofahrer wird die Versicherung danach billiger. Die Kehrseite der Medaille: Ihr allgemeines Prämienniveau wollen die Münchner um drei Prozent anheben.

Wer von den neuen Rabatten nicht profitieren kann, muß also künftig mehr für seine Police bezahlen.

Auch wenn der Erzfeind der großen Autoversicherer, der ebenfalls in München ansässige Automobilclub ADAC, die Neuerungen als "Mogelpackung", als nicht nachvollziehbar und für den Verbraucher höchst verwirrend bezeichnet, sind sie aus Sicht der Allianz-Manager so unsinnig nicht. Bisher werden lediglich Landwirte, Beamte und Angehörige des öffentlichen Dienstes bei der Autoversicherung mit Rabatten bevorzugt - ein Umstand, der bei der übrigen Kundschaft auf Unverständnis stößt. Daß ein Behördenangestellter weniger Versicherungsprämie zahlt als jemand, der in der freien Wirtschaft eine vergleichbare Tätigkeit ausübt, will so recht nicht einleuchten. Auch nicht, daß ein Sportwagen fahrender Studienrat, der für seine notorischen Drängeleien auf der Autobahn bei den Hütern der Flensburger Verkehrssünderkartei bekannt ist, vom sogenannten B-Tarif profitiert. Der Einwand der Sippenhaft im positiven wie negativen Sinne drängt sich auf.

Dem begegnet die Allianz nun mit einer deutlich feineren Auffächerung der Berufsgruppen. Danach kann die Police billiger sein als nach der alten Eingruppierung. In den neuen Tarif sollte also nur derjenige umsteigen, für den es anschließend günstiger wird. Andere große Autoversicherer wie HUK-Coburg, LVM, HDI, VHV oder R+V werden dem Marktführer über kurz oder lang folgen müssen, auch wenn sie heute noch vehement bestreiten, berufsspezifische Kalkulationspläne zu hegen. Zumindest bei dem Coburger Branchenzweiten wird die Gefahr, daß sich die Allianz die Rosinen unter möglichen Kunden herauspicken will, durchaus realistisch eingeschätzt. "Es könnte sein, daß gewisse Berufsgruppen künftig Probleme haben werden, ihr Auto zu versichern", sagt ein Sprecher. Diese Fahrer landen dann automatisch bei Versicherern, bei deren Kalkulation der Job nach wie vor keine Rolle spielt. Anbieter mit hohen Schadenaufwendungen wiederum müssen ihr Prämienniveau entsprechend anheben. Daß Marktanteilsverluste drohen, liegt auf der Hand.

Vor diesem Hintergrund erst wird die Tragweite des Allianz-Vorstoßes deutlich: Es geht weniger um Beitragsgerechtigkeit für Autofahrer als darum, dem eigenen Unternehmen Marktvorteile zu verschaffen. Einerseits verfügen nur Anbieter, deren Kundenbestand groß genug ist, über aussagekräftige Statistiken, die Tarifberechnungen beispielsweise nach Berufen erlauben.

Andererseits droht einem finanzstarken Konzern wie der Allianz wohl kaum der Ruin, wenn willkürlich festgelegte Rabatte für die gerngesehene Kundschaft zu Verlusten führen. Noch immer gilt die Autoversicherung branchenweit als Einstiegssparte. Das Kalkül: Wer seine Kfz-Police bei einem Anbieter unterbringt, der schließt dort auch andere Verträge ab, beispielsweise eine Lebensversicherung. Daß gut verdienende Kunden wie Finanzkaufleute, Juristen oder Betriebswirtschaftler dem Versicherer ein größeres Geschäftspotential bieten als ein Arbeitsloser ohne Beruf, versteht sich von selbst.