ESCALATOR OVER THE HILL

Irgendwann hätte man das Werk vielleicht als Meilenstein vergessen. Glänzende Goldschrift auf mattem Gold, drei Schallplatten in der Box mit dem verstaubt surrealen Titel "Escalator Over The Hill - A Chronotransduction". Jazz-Oper nannten es die einen, Oratorium und Singspiel andere, einstimmig attestierten sie ihm Singularität, Unaufführbarkeit und tiefe Bedeutung.

Nun gingen die Komponistin Carla Bley und der Librettist Paul Haines auf Reisen, führten das Instrumentalwerk 1997 in Köln und 1998 im Rahmen einer kleinen Europa-Tournee auf, veröffentlicht das Bleysche Watt-Label die gefeierte Originalaufnahme in digitaler Qualität mit goldenem Beiheft: Respekt, ein bißchen Nostalgie und helle Begeisterung.

Der Traum der späten sechziger Jahre wird hörbar: die Hoffnung auf eine neue Sprache, die Sehnsucht, die offene Dreierbeziehung zwischen Jazz, Rockmusik und Avantgarde zu verwirklichen, die Klarheit von Linda Ronstadt mit der Dramatik von Jack Bruce und der Kühle von Warhols Viva zu verknüpfen, das Feuer des Free Jazz unter die einlullenden Mantras und dunklen Gedichte zu legen. Vor allem schleicht sich Europa ins Jazz-Programm. Im New Yorker Kaffeehaus wird nicht nur allerlei von Satie und Weill und Eisler serviert, selten war "Sgt. Pepper's Band" dem Jazz so nah.

Carla Bley, 1938 geborene Borg, kurzfristig mit dem Solitär Paul Bley verheiratet, später Muse, Komponistin, Arrangeurin und selbst Pianistin, hatte dem männlichen Jazz Stoff geliefert: tragende Melodien, genügend singbare Noten, um sie sich einzuprägen, wenig genug, um die eigene Improvisation nicht zu ersticken, die Suite "A Genuine Tong Funeral" zum Beispiel, die bis heute als CD vermißt wird. Als ihr der Dichter Paul Haines kleinere, geistesverwandte Arbeiten schickt, entsteht der Plan zu einer Oper, beginnen 1968 die Aufnahmen zu "Escalator", die sich - bedingt durch Geldnot und anderweitige Verpflichtungen der Musiker - bis 1971 hinziehen: hellwache Fahrt auf einer musikalischen Rolltreppe, vorbei an Bildern, Musikstilen und Stimmen.

Doch während der Gestus des Textes nach dreißig Jahren so schwer verdaulich wie früher bleibt - "Stop refusing to explain / Give up explaining" -, verblüfft die Mimik der Musik noch heute. Die Hotel Lobby Band bläst ihre Schunkelballaden gegen die elektronische "Phantom Music", die Gitarrensoli John McLaughlins in "Jack's Traveling Band" stehen neben der Trompetenlyrik Don Cherrys aus der weltmusikalischen "Desert Band". Dazu das himmelhoch kreischende Tenorsaxophon Gato Barbieris oder die Revolutionsromantik Charlie Hadens.

P.S. Seltsame Blüte des Fortschritts: Wo auf Vinyl, Seite 6, die Nadel in der Auslaufrille mit elektronischem Dauerton auf den Anfang verweist, summt jetzt die CD exakt 17 Extraminuten. Dann ist Schluß.