Eisenhüttenstadt

Jeden Dienstag macht Werner Ruppert kurzen Prozeß. "Sie werden sehen, dat jeht ruck, zuck, wie et Brezelbacken", sagt der Amtsgerichtsdirektor von Eisenhüttenstadt fröhlich. Kleine Diebe, Verkehrsrowdys, Asylbetrüger - einmal die Woche werden sie von Ruppert, der sich vor sieben Jahren von Köln "freiwillig an die Ostfront" meldete, im 15-Minuten-Takt abgeurteilt. Heute stehen nur Alkoholsünder auf seinem Terminplan. "Ladendiebe wären interessanter, wegen der Ausreden", bedauert Ruppert.

Doch Ladendiebstähle habe er in Eisenhüttenstadt so gut wie "ausgerottet", um achtzig Prozent sei ihre Zahl zurückgegangen. Der Gerichtsdirektor schreibt dies der abschreckenden Wirkung seiner Schnellverfahren zu. Nur selten noch kämen Polen über die Oder gepaddelt, um auf Diebestour zu gehen. Sie wichen nun, wie auch viele Einheimische, zum Stehlen ins nahe gelegene Frankfurt aus: "Das is' wie bei den Maulwürfen. Wenn Se se aus einem Garten raus haben, tauchen se im Nachbargrundstück auf."

Acht Uhr, Saal 6 im Erdgeschoß, der größte Saal des Amtsgerichts. Alles sieht noch aus wie zu DDR-Zeiten: die schweren roten Vorhänge, der abgewetzte Anklagestuhl, die harten Klappsitze fürs Publikum. Ruppert habe sich dagegen gesträubt, den Raum renovieren zu lassen, erzählt die örtliche Gerichtsreporterin. Nervös sitzt die Wirtin Bettina S. auf dem Stuhl. Mit 2,8 Promille wurde sie kürzlich von einer Polizeistreife am Steuer ihres Autos gestoppt.

Wie sie denn überhaupt noch habe fahren können, fragt Ruppert streng von der hohen Richterbank herab. Die Frau möchte am liebsten vor Scham versinken, stottert, daß sie den hohen Alkoholpegel gar nicht gespürt habe. Also Gewohnheitstrinkerin, folgert der Staatsanwalt und fordert 1400 Mark Geldstrafe, zudem neun Monate Fahrverbot. Ob sie noch etwas sagen wolle! Die Angeklagte schüttelt den Kopf. Richter Ruppert folgt dem Antrag des Staatsanwalts und fragt: "Nehmen Sie das Urteil an? Sie haben ja sowieso keine Wahl!"

Der nächste, bitte. Ein selbständiger Gärtner, der mit 3,7 Promille erwischt wurde. Ruppert: "Sie sind ja fast ein medizinisches Wunder!" Auf einer Geburtstagsfeier, erzählt der Angeklagte stockend, habe er sich mit seiner Frau gestritten, sei dann zur nächsten Kneipe gefahren und habe seinen Frust heruntergespült: "So viel habe ich noch nie getrunken!" Als er das Urteil hört, 900 Mark Geldstrafe und 17 Monate Fahrverbot, ist er den Tränen nahe.

Das könne den Ruin seiner ganzen Existenz bedeuten: "Meine Frau fährt doch den Lieferwagen nicht."