Der Neoliberalismus, verstanden als Programm und Prozeß der Verwirklichung "der Utopie einer Ausbeutung ohne Grenzen", steht im Zentrum einer Sammlung von Aufsätzen, Reden und Interviews Pierre Bourdieus, die, unter dem Titel "Contrefeux" in Frankreich im April 1998 erschienen, nun auch in deutscher Sprache vorliegen.

Der Band vereinigt die Stellungnahmen Pierre Bourdieus zu politisch-sozialen Gegenwartsfragen, seine Interventionen in die politische Arena Frankreichs sowie, über dessen Grenzen hinaus, seine Kritik an der in Westeuropa vorherrschenden Wirtschafts- und Sozialpolitik im Geist des neoliberalen Konsenses. Der zum politischen Programm erhobene Ökonomismus, der gegenwärtig die Politik in Europa kennzeichne, zerstöre, so die zentrale These, nicht nur die Grundlagen der Zivilisation durch den schleichenden Abbau eines ihrer tragenden Pfeiler, des Systems der öffentlichen Dienstleistungen (im Gesundheits-, Erziehungs-, Sozial- und Kulturbereich), sondern zerstöre auch die kollektiven Strukturen, die allein der Logik einer reinen Marktwirtschaft Widerstand entgegenzusetzen vermögen: historisch gewachse ne Gruppen wie die Nationen, die Gewerkschaften und die Familie.

Unter dem Diktat vermeintlicher ökonomischer Sachzwänge, konstruiert auf der Grundlage einer reinen mathematischen Fiktion, vollziehe sich ein Prozeß der Involution des Staates und der Sozialstaatlichkeit, der das System der Arbeitsverträge unterminiere, Teilzeitarbeitsverträge mehr und mehr zur Regel werden lasse und damit Unsicherheit, Angst und Konkurrenzkämpfe unter den Arbeitern schüre, ohne das Elend der von der Arbeit Ausgeschlossenen zu beheben. Im Namen des Fortschritts, der Vernunft und der Wissenschaft werde im Zeichen des Neoliberalismus eine Politik verfolgt, welche ihre sozialen Folgekosten nicht nur nicht in Rechnung stelle, sondern mit euphemisierender Rhetorik negiere und dergestalt eine "Sozialphilosophie" propagiere, die auf einem sozialen Neo-Darwinismus beruhe.

Geschrieben und gesprochen, wie der Autor im Vorwort schreibt, aus einer Mischung von "legitimer Wut" und "Pflichtgefühl", gehen in diese Stellungnahmen aus den Jahren l995 bis l998 die Ergebnisse soziologischer Erhebungen und Analysen ein, die Bourdieu mit seinen Mitarbeitern nach vierjährigen Recherchen in dem Buch "Das Elend der Welt" vorgelegt hat.

Zugleich spiegelt sich darin eine spezifische Konzeption von Rolle und Aufgaben des Intellektuellen in der Gesellschaft der Gegenwart. Bourdieu schreibt ihnen die Funktion einer Gegenmacht zu, ohne die keine wahre Demokratie auskommen kann. Wie Sartre geht er davon aus, daß Schriftsteller, Künstler, Philosophen und Wissenschaftler zu allen Bereichen des öffentlichen Lebens Stellung nehmen sollten, ihre Kritik jedoch auf Kompetenz und nicht allein auf der Inanspruchnahme universeller Werte beruhen sollte.

Die im April l998 in Paris gegründete Gruppe Raisons d'agir (Gründe zum Handeln), in deren Reihe "Liber Raisons d'agir" die französische Ausgabe von "Gegenfeuer" erschienen ist, ist ein solches Unternehmen. Weit davon entfernt, die Gründung einer europakritischen Partei anzustreben, hat sie das Ziel, der Öffentlichkeit, ebenso knapp wie klar, die Ergebnisse sozialwissenschaftlicher Forschungen vorzulegen und auf deren Grundlage, von Fall zu Fall, als "kollektiver Intellektueller" Kritik zu üben, um die Indifferenz gegenüber den herrschenden Entwicklungstendenzen der Gesellschaft zu durchbrechen und die Aufmerksamkeit auf Gegenströmungen zu lenken - die Bewegungen der Arbeitslosen und Asylanten -, deren Anliegen nicht alle Gesellschaftsschichten gleichermaßen betreffen, aber doch alle angehen.

"Gegenfeuer" ist ein Auftakt, die Intellektuellen als "Störfaktor" zu rehabilitieren und zugleich, wie der Autor schreibt, jene zu unterstützen, die davon überzeugt sind, "daß man im Lauf der Zeit den Stein des Sisyphus voranbewegen kann, ohne daß er wieder zurückrollt".