Was können wir wissen? Für Immanuel Kant war diese erste von vier Grundfragen der Philosophie wohl die wichtigste: Ihr allein widmete er seine monumentale "Kritik der reinen Vernunft" und machte dort mit streng rationalen Argumenten der rationalistischen Metaphysik den Garaus. Nach Kant erfahren wir die Welt immer nur, wie sie uns erscheint - nie, wie sie an sich ist. Wir sehen sie quasi durch eine angeborene farbige Brille, die wir nicht abnehmen können. So manchen stürzte diese Erkenntnis in die Krise - etwa Heinrich von Kleist, der nach der Kant-Lektüre sein Physikstudium abbrach und Dichter wurde. "Unglückliches Bewußtsein" nannte Kleists Zeitgenosse Hegel diesen Zustand des forschenden Geistes, der sich plötzlich seiner Grenzen bewußt wird.

Bemerkenswerterweise scheint das Forscherbewußtsein um so unglücklicher über seine Begrenztheit, je erfolgreicher es eben noch innerhalb der Grenzen tätig war. Jüngstes Beispiel dafür sind die heftigen Reaktionen, die das Buch "The End of Science" des Amerikaners John Horgan auslöste. Insbesondere Elementarteilchenphysiker und Kosmologen traf Horgans Vorwurf, sie würden neuerdings nur noch "ironische Physik" betreiben, das heißt: spekulative Theorien aufstellen, die sich nie experimentell werden nachprüfen lassen.

Der britische Astrophysiker John D. Barrow ist einer der Betroffenen. Als Professor an der University of Sussex in Brighton beschäftigt er sich mit genau den Fragen, die Horgan zufolge der Ironie anheimfallen. Daneben ist Barrow ein breit gebildeter und begabter Wissenschaftsautor. Sein neuestes Buch "Impossibility" ist jedoch alles andere als eine entrüstete Replik auf Horgan. Statt dessen erwartet den Leser eine spannende und überaus ansprechend dargebotene Reise zu den Grenzen naturwissenschaftlichen Wissens.

Da sind einmal jene Grenzen, die unsere Menschennatur uns auferlegt: Evolutionsbiologisch gesehen, sind unsere Sinne und unser Gehirn nicht dazu da, die Welt zu verstehen, sondern in ihr zu überleben. Unsere Fähigkeit, über die Welt nachzudenken, ist damit ein eher zufälliges Nebenprodukt der Evolution, in dem wir nicht notwendig besonders gut sind. Immerhin hat es gereicht, Hilfsmittel wie Mikroskope, Teleskope oder Computer zu konstruieren, mit denen wir unsere Grenzen immer weiter herausgeschoben haben.

Die endlichen Ressourcen, die der Menschheit zur Finanzierung solcher Grenzerweiterung zur Verfügung stehen, waren für Horgan ein Hauptargument.

Doch Barrow hält sich nicht lange damit auf. Viel mehr interessiert ihn eine zweite, fundamentale Sorte von Grenzen: jene, deren Überschreiten die Naturgesetze selbst verbieten. So lehrt uns die Relativitätstheorie, daß nichts sich schneller bewegt als das Licht. Folglich können wir von entfernten Ereignissen erst nach einer gewissen Zeit Kenntnis erhalten. Nun gibt es möglicherweise Bereiche des Universums, die so weit von uns entfernt sind, daß das Licht von dort länger unterwegs ist, als das Universum überhaupt existiert. Über diese Regionen können wir nie etwas herausfinden - sie liegen jenseits eines absoluten Horizontes.

Der Kosmologe Barrow nimmt auf eigene Sympathien erfrischend wenig Rücksicht.