Ein Portraitphotograph, der es sich in den Kopf setzte, den Bundeskanzler und seinen Herausforderer gemeinsam auf ein Photo zu bannen, sähe sich vor eine kaum lösbare Aufgabe gestellt. Er müßte sich entscheiden. Ein Brustbild von den beiden, zum Phototermin nebeneinandergestellt und aus der Nahdistanz aufgenommen, würde entweder nur den Kopf von Helmut Kohl zeigen und an seiner Seite Leere - ein Stück Himmel oder Regenwolke überm Wolfgangsee - oder den Kopf von Gerhard Schröder neben einer mächtigen Hemdbrust, deren Besitzer der Kenner allenfalls am extrabreiten Krawattenknoten dicht unter dem oberen Bildrand erraten könnte.

Man sollte die ästhetische Dimension einer Wahl nicht unterschätzen. Ein Volk gibt, ob es will oder nicht, mit seinem Votum für den ersten Repräsentanten auch ein Votum darüber ab, von wem es sich repräsentiert sehen möchte. In optischer Hinsicht würde die Wahl von Gerhard Schröder zum Bundeskanzler einen radikalen Wechsel bedeuten: Ein Größenunterschied von einem knappen Viertelmeter ist keine Kleinigkeit. Riesen werden von anderen Leidenschaften beherrscht als Kleinwüchsige. Riesen strahlen Ruhe aus, Bedächtigkeit, sogar Trägheit. Von ihnen scheint keine Gefahr auszugehen. Sie versprechen Schutz, Kontinuität, väterliche Fürsorge. Von den Auftritten der Kleinen in der Geschichte wissen wir, daß sie einen unbezwinglichen Hang zur Größe haben.

Sie gelten als umtriebiger, dynamischer, ehrgeiziger, auch als unberechenbar.

Mit der Wahl Gerhard Schröders würden sich die Deutschen aus dem wärmenden Schatten des Kolosses Kohl herausbegeben. Zu Gerhard Schröder muß man nicht aufblicken, wenn man ihm in die Augen schauen will. Unvermeidlich steht man ihm als Gleichgroßer, als Erwachsener gegenüber.

Mich freut es, daß sich sechs Jahre nach Bill Clintons Wahlsieg auch in Deutschland einer aus meiner Generation Hoffnungen auf das höchste Amt machen kann. Noch dazu einer, den man - wenn auch mit demselben Bauchgrimmen wie im Fall Clinton - einen Achtundsechziger nennen kann. Daß womöglich doch noch "einer von uns" kurz vor dem last exit Zwischenstation im ägyptisch gestylten Kanzlerbungalow am Spreebogen macht - ich bin darauf gespannt! Schröder ist der erste, der vorschnelle Wiedererkennungsfreuden dämpft, als wir uns im Landtag treffen. "Ich war nicht so ein Bürgerkind, das revoltieren wollte.

Studieren war ein Traum für mich."

Wie Bill Clinton gehörte Gerhard Schröder zu jenen Rebellen, die sich nie zum Marsch durch die Institutionen entschließen mußten, weil sie mit ihrem Protest in den Institutionen angefangen haben. In Schröders Fall bei der SPD und deren Jugendorganisation.