Rußlands junge Marktwirtschaftler haben sich einen Platz in den Annalen des Kapitalismus gesichert. Mit einem Negativrekord. Was die Amerikaner nicht einmal in den drei Jahren der Weltwirtschaftskrise geschafft haben, vollbrachten die Russen in wenigen Monaten. Seit Jahresbeginn haben die Aktienkurse an der Moskauer Börse über 90 Prozent ihres Wertes verloren. Der Kurssturz an der New Yorker Wall Street, der mit dem Börsencrash am Schwarzen Freitag im Oktober 1929 begann, endete 1932 mit einem Gesamtverlust von "nur" 85 Prozent.

Es brennt nicht nur an exotischen Aktienmärkten wie in Moskau. Nach der Jahrhundert-Hausse sind die Börsianer so nervös wie seit über zehn Jahren nicht mehr. In New York hat der Dow-Jones-Index, das wichtigste Börsenbarometer der Welt, den diesjährigen Zuwachs bis Anfang der Woche komplett verloren. In Frankfurt reduzierte sich der Marktwert der 30 wichtigsten Werte binnen sechs Wochen um gut ein Fünftel oder mehr als 300 Milliarden Mark - ein schwarzer August. In Tokio verzeichnet der Nikkei-Index seit Januar ein Minus von 60 Prozent, im chinesischen Hongkong sieht es noch schlimmer aus. Zittrig blicken Regierungen, Notenbanker und Geldanleger rund um den Globus auf einen neuen Brandherd: Lateinamerika. Auch dort haben sich inzwischen die Kurse seit Ausbruch der Asienkrise im Juli 1997 halbiert. Im Kapitalisten-Kasino droht der nächste Dominostein zu fallen.

Immer häufiger stellen sich Ökonomen, Manager und Arbeitnehmer auch in Europa und Amerika sorgenvoll Fragen: Wird der globale Kurssturz auf die reale Wirtschaft übergreifen? Geraten Arbeitsplätze in Gefahr? Droht eine neue Weltwirtschaftskrise wie einst 1929?

Der Börsencrash kommt nicht überraschend, auch wenn Aktionäre und Analysten, Banker und Berater in der Euphorie des Aufschwungs viele Warnzeichen immer wieder verdrängt haben. Bereits Ende 1996 warnte der amerikanische Notenbankchef Alan Greenspan vor "irrationalen Übertreibungen" - da stand der Dow-Jones-Index gerade einmal bei rund 6500 Punkten (siehe Graphik nächste Seite). Greenspans deutscher Amtskollege Hans Tietmeyer und die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) mahnten ebenfalls unüberhörbar, die Finanzwelt hatte sich in ihren Augen längst von der Realwirtschaft abgekoppelt. Vergebens, Gier siegte über Vernunft. Scheinbar enorme Gewinnaussichten machten professionelle und private Spekulanten immer unvorsichtiger. Daß jetzt ausgerechnet die Rußlandkrise die gewaltige Spekulationsblase zum Platzen bringt, hat nichts mit der ökonomischen Bedeutung des Riesenlandes zu tun. Rußlands Wirtschaftsleistung, die seit 1990 an ständigem Schwund leidet, liegt mittlerweile weit hinter dem Bruttoinlandsprodukt der vergleichsweise winzigen Beneluxstaaten zurück. Auch im Welthandel und auf dem globalen Finanzmarkt spielen russische Unternehmen nur eine Nebenrolle.

Ob in Rußland, Asien oder Lateinamerika, das Muster der Krisen ähnelt sich auffallend. Hiobsbotschaften aus der Wirtschaftswelt, beispielsweise zu hohe Auslandsschulden oder Handelsdefizite, bringen die einheimischen Währungen unter massiven Abwertungsdruck. Rasch infiziert dieser Schwächebazillus die Börsen, die Kurse purzeln. Selbst der Dollar, die unbestrittene Leitwährung der Welt, sackte zu Beginn der Woche mächtig ab und verlor binnen weniger Stunden fünf Pfennig gegenüber der Mark. Stabil sind nur die Währungen der künftigen Euro-Zone, allen voran Deutsche Mark, französischer Franc und italienische Lira. Ein Hort der Stabilität inmitten turbulenter Zeiten.

"Spekulative Attacken gegen die Leitkurse sind mangels Erfolgsaussichten nahezu auszuschließen", resümiert der Trierer Hochschullehrer Wolfgang Filc vier Monate vor Einführung des europäischen Gemeinschaftsgeldes.

Stabil präsentieren sich auch die Volkswirtschaften in der Europäischen Union (EU), während mehr als ein Drittel der Weltwirtschaft längst mit einer Rezession kämpft, allen voran der Wirtschaftsriese Japan. Dort versuchen schon seit acht Jahren wechselnde Regierungen, die lahmende Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Bislang vergeblich. Gigantische Konjunktur- und Steuerprogramme greifen nicht. Versuche, vor allem die verkrusteten Strukturen des Bank- und Finanzsektors aufzubrechen, blieben bestenfalls halbherzig - zum zunehmenden Ärger der westlichen Partnerländer, die schon seit Jahren auf allen Gipfel- und Währungskonferenzen Reformen angemahnt hatten.