Ein Leben wie im Goldenen Zeitalter versprach der sozialistische Staatspräsident François Mitterrand den Franzosen, nachdem er 1981 die Linke zum Wahlsieg geführt hatte. Sollten die Sozialdemokraten mit Gerhard Schröder die Wahl gewinnen, gilt wohl eher ein Buchtitel des amerikanischen Ökonomen Paul Krugman: "Das Zeitalter der verringerten Erwartungen". Lange ist gerätselt worden, womit die SPD die Bürger beglücken will: einem bunten Fächer neuer Sozialleistungen, staatlicher Nachfragepolitik im Sinne eines Vulgär-Keynesianismus, Rückkehr zum Korporatismus der siebziger Jahre? Nichts von all dem. Lafontaine hat die Partei links positioniert, um die Wahl zu gewinnen. Für die Praxis einer SPD-geführten Regierung bedeutet das nicht viel.

Gut drei Wochen vor der Wahl gibt die SPD zu erkennen, daß auch sie nicht aus dem vollen schöpfen kann. Noch immer wettert Lafontaine zwar gegen die "völlig verfehlte Wirtschafts- und Finanzpolitik" der jetzigen Bundesregierung, unter der die Binnennachfrage verkümmert sei. Doch gleichzeitig verfaßt er orthodoxe Finanzkonzept. Höchste Priorität hat die Verringerung der staatlichen Verschuldung durch "strenge Haushaltsdisziplin und eine nachhaltige Begrenzung der Ausgaben".

Wer glaubt, Lafontaine werde das Füllhorn ausschütten, der irrt. "Glauben Sie etwa, ausgerechnet Lafontaine würde eine expansive Finanzpolitk betreiben?"

wunderte sich schon vor Monaten Christiane Krajewski, die für ihn die Regierungsgeschäfte im Saarland führt. Dort hat er den Ausgabenanstieg in den vergangenen zehn Jahren dreizehn Prozent unter den Durchschnitt der Flächenländer gedrückt. Im Bund wird seine heimliche Neigung zum Sanierer noch nicht ernst genommen. Dafür sorgen mit rührender Tölpelhaftigkeit Union und FDP. Sie kritisieren die SPD genau so, wie es der ins Konzept paßt: Die Sozialdemokraten betrieben eine Politik der Umverteilung, hätten nur Augen für das Soziale, wollten mehr Staat. So will die SPD ja erscheinen - als Schutzmacht der kleinen Leute.

Im Wahlkampf unangenehme Wahrheiten zu verkünden wird nicht honoriert - diesem Credo des Parteichefs ist der SPD-Stil der vergangenen Monate zu verdanken. Das ändert sich langsam, aber den entscheidenden Schritt zu gehen und heute schon exakt zu sagen, wo gespart werden soll, das traut Lafontaine sich nicht. Sein Büroleiter Joachim Schwarzer kündigt immerhin an, es gebe "eigentlich überhaupt keinen Spielraum für die Ausweitung von Ausgaben". Man werde daher "Umschichtungen von konsumtiven zu investiven Ausgaben" vornehmen - Finanzchinesisch für die Kürzung des Staatsverbrauchs, aber auch der sozialen Transferzahlungen zugunsten von mehr Forschungs- oder Infrastrukturinvestitionen.

Die Botschaften für die Wahl sitzen, nun will die Partei vermeiden, daß nach dem 27. September ein lähmender Streit zwischen Wirtschafts- und Sozialpolitikern beginnt. Die auf Sparen bedachten Haushälter versuchen bereits, die besseren Startlöcher zu besetzen. Zweimal haben sie sich schon mit Schröder getroffen, um ihm klarzumachen, daß der Bund wirklich kein Geld mehr hat und die Formel vom Kassensturz keine salvatorische Klausel ist. Mit dem Ergebnis sind sie zufrieden: Der Kandidat habe sich sehr aufnahmebereit gezeigt. Die Sozialdemokraten fürchten, noch auf Ausgabeverpflichtungen des Bundes zu stoßen, auf die im Haushalt nichts hinweist. Zum Beispiel eine Zusage des Bundes an die Ruhrkohle über 500 Millionen Mark, die nicht etatisiert sei, oder auch Milliardenhilfen für Bremen und das Saarland, die in den Ansätzen fehlten.

Lafontaine und seinen Experten schwebt eine Finanzpolitik vor, die Staatsausgaben zurückfährt und damit Raum für Steuer- und Abgabensenkungen schafft. Die sollen nicht nur die private Nachfrage stimulieren, sondern auch die Leistungsbereitschaft stärken und damit günstigere Wachstumsbedingungen schaffen. Das ist ziemlich genau die Politik, die Kohls Regierung jahrelang gepredigt, aber nie konsequent umgesetzt hat. Daß er selbst sie bislang als "neoliberalen Irrsinn" gegeißelt hat, stört Lafontaine heute nicht mehr.