Es ist schon so viel Vernünftiges über dieses Stück gesagt worden, daß man sich im Rückblick sehr wundern muß: Denn Rainer Werner Faßbinders "Die Stadt, der Müll und der Tod" ist eine Collage aus Sozialkitsch, Ressentiment und Zivilisationshaß. An der zentralen Figur des "Juden", eines verbrecherischen Spekulanten, hat sich zweimal, 1976 und 1985, ein Streit entzündet, der die intellektuelle Szene der Bundesrepublik spaltete. Jetzt soll das Stück am Berliner Gorki-Theater wiederaufgeführt werden. Andreas Nachama, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, protestiert dagegen. Er bescheinigt dem Stück "goebbelssche Qualität".

Der Faßbinder-Streit war eine Urszene der alten Bundesrepublik: Man lernte, die Freiheit der Kunst selbst dann zu verteidigen, wenn das in Frage stehende Kunstwerk im Verdacht stand, dem Ressentiment Vorschub zu leisten. Man lernte aber auch, daß das Pochen auf diese Freiheit merkwürdig hohl klingt, wenn die Kunst die Gefühle von Menschen verletzt, die selbst - oder deren Angehörige - eben solchem Ressentiment zum Opfer gefallen sind. Die jüdische Gemeinde wagte es in diesem Streit erstmals, offen ihre Verletztheit zu zeigen. Das war auch das Signal einer Entspannung.

Wer die Wiederaufführung des Stücks für einen Fehler hält, sollte uns die Wiederaufführung des Streits ersparen. Es gilt Wolf Biermanns Satz: "Vielleicht ist es ein Fehler, das Stück aufzuführen. Aber es ist ein größerer Fehler, eine Aufführung zu verhindern."