Der französische Philosoph Michel Foucault hat auf sein Fach und eine ganze Reihe von Wissenschaften eminent anregend gewirkt. Er gehört zu jenen Theoretikern, die nicht bloß die bekannte Welt neu, sondern eine neue Welt erschließen. Foucault eröffnet damit dem Denken ein neues Paradigma, und die größte Ehre, die man ihm erweisen kann, besteht darin, seinen Vorstoß auf theoretisches Neuland zum Allgemeingut zu machen.

Zwei Themen sind es vor allem, auf denen Foucaults Theorie sich immer noch als ergiebig erweist: beim Problem von Macht und Moral. Während er seine Machttheorie in Überwachen und Strafen (1975) und im ersten Band von Sexualität und Wahrheit (1976) entwickelt, entwirft er in den beiden folgenden, erst acht Jahre später erscheinenden Bänden die Konturen seiner philosophischen Ethik. Dabei greift er auf die griechische Antike zurück, denn in dieser Epoche, so Foucault, war das Subjekt nicht, wie in der Neuzeit, bloßes Objekt von Wissenschaft und Macht. Vielmehr hatte es die Möglichkeit, seine "Lüste" zum Gegenstand der "Sorge" zu machen und sich ausgiebig den Fragen individueller Lebensführung zu widmen. Ja, Foucault ging so weit, von einer "Ästhetik der Existenz" zu sprechen. Der (männliche) Bürger des antiken Stadtstaates sei bestrebt gewesen, seinem Leben einen einzigartigen Glanz zu verleihen und sich dadurch zum Kunstwerk zu formen.

Und es ist diese ästhetisch akzentuierte Ethik, die uns Foucault als Modell empfiehlt - obwohl sie doch irritierenderweise den Zusammenhang zwischen Subjektivität und Moral, Macht und Wissen zu unterlaufen scheint.

Zu diesem Komplex ist eine Fülle von Forschungsliteratur erschienen. Doch bis auf wenige Ausnahmen unterzieht keine dieser Studien Foucaults Darstellung der Antike einer detaillierten Prüfung. Mit dem Buch von Wolfgang Detel wird dieses Defizit erheblich gemindert. Und nicht nur das. In Detel trifft Foucault auch auf einen Interpreten, der sich nicht nur als Forscher auf dem Gebiet der antiken Philosophie profiliert hat, sondern der auch seine "Intuitionen" ernst nimmt und sie, wie sich abzuzeichnen beginnt, in das Projekt einer neu begründeten Kritischen Theorie einbezieht.

Anfangs kann einem bei diesem Unternehmen nicht nur wohl zumute sein. Denn die Basis, von der aus Detel den späten Foucault ins Visier nimmt, sind "bessere historische Kenntnisse", "avancierte" Interpretationen der antiken Philosophie sowie die "üblichen Standards" wissenschaftlichen Denkens. Doch die Befürchtung, Detel könne sich Foucault gegenüber nur als der versiertere Historiker und der standfestere analytische Philosoph erweisen, ist unbegründet. Denn bei aller Kritik im Detail verfolgt er die Absicht, Foucaults eigene Intentionen besser auszuführen. Grundlegend dafür ist die Auseinandersetzung mit Foucaults Theorie der Macht. Denn Macht ist bei Foucault etwas, was überall und nirgends ist, ebenso ungreifbar wie aufdringlich. Richard Rorty, das amerikanisch-liberale Pendant zu Foucault, spricht deshalb spöttisch von "Schauerromantik". Die allgegenwärtige und unsichtbare Macht erinnert Rorty an die Figur des Satans und die Erzählung von der Erbsünde.

Detel setzt nun alles daran, Foucaults Machtbegriff zurück in die sozialwissenschaftliche und sozialphilosophische Diskussion zu holen. Er zeigt, was es heißen kann, daß Macht, wie Foucault sagt, nicht nur "repressiv", sondern auch "produktiv" wirkt - daß sie die Menschen nach ihrem Bild und Gleichnis formt und diese dennoch mehr sind als bloße Produkte. Wer sich mit Foucault im Geiste einer Kritischen Theorie auseinandersetzt, könnte lernen, wie "Unterdrückung" mit der Eröffnung neuer Möglichkeiten einhergehen kann.

Diese Zweideutigkeit betrifft auch Foucaults "Ästhetik der Existenz". Sie mag, wie auch Detel kritisiert, für die klassische Antike überbetont worden sein. Aber Foucault hat von Anfang an die antike Ethik aus der Perspektive der modernen Ästhetik und Philosophie entworfen. Namentlich von Baudelaire und Nietzsche, von der Feier des Dandys und des Stils hat er sich leiten lassen. Die ästhetische Ethik, die er im Auge hatte, sollte eine für die Moderne sein. Und mit der Idee eines ästhetisch gelungenen Lebens hätte er zugleich den Maßstab seiner Kritik nachgereicht: Eine Gesellschaft ist um so besser, je mehr sie es ihren Mitgliedern ermöglicht, ein Leben nach eigenem Maß zu führen.