Eigentlich wollte er für seine uralte Karre, einen Zodiac, nur eine Radkappe kaufen. Er nahm dann vier, zwar "nicht für diese Marke gemachte", aber passende Kappen, preiswert, die ihm der Händler auch gleich aufmontierte. Dieser kleine Abstecher führt den Ich-Erzähler, Sohn von Bardur, Enkel von Sigfús Killian, unversehens ins Zentrum der Geschichte(n): Wir sind direkt, wie es später einmal heißt, "am Arsch der Welt", im isländischen Laekjarbakki, einem "lichtlosen Schlammloch in der Ödnis", dem Ursprungsort der Killian-Sippschaft, angelangt. Sigfús Killian, der spätere isländische Ersatzteilkönig, und Solveig, seine Frau, produzieren dort, weit außerhalb von Reykjavøk und weit weg von überall, in sieben Jahren sieben Kinder und ihr eigenes Unglück. Von der Goldgrube, die sie sich erhofften, ist ihnen ein Schrottplatz geblieben. Ideal für die Kinder. Autoersatzteile - Sigfús Killian senior, dann junior, erwirbt auf Island das Monopol dafür. Und nutzt es ziemlich schamlos. Daraus ergeben sich gute Geschichten. Es ist die Zeit, in der die Nyltesthemden, bügelfrei, statisch aufladbar und schweißtreibend, die halbe Welt eroberten. Auch Island träumte vom "Wirtschaftswunder". Es herrschte der Kalte Krieg, aber bei den Killians ging es heiß her.

Einar Kárason, 1955 in Reykjavøk geboren, bei uns mit den beiden in Enzensbergers "Anderer Bibliothek" erschienenen Romanen "Die Teufelsinsel" (1993) und "Die Goldinsel" (1995) bekannt geworden, ist, in erkennbarer Laxness-Nachfolge, der erfolgreichste der jüngeren isländischen Schriftsteller. Ein geborener Erzähler, wie ihn sich der Leser wünscht, drall und dröhnend, deftig, sozialkritisch, saftig.

Geiri, ein alter Sonderling, der auf die Hundert zugeht, betrachtet den "Niedergang und Verfall in der Moderne" als Ergebnis einer dem Volk aufgezwungenen "Irrlehre des Sauberkeitswahns". Der Waschzwang habe die Isländer verweichlicht.

Solche Typen besiedeln das Buch. Originale hat man sie, auch bei uns, einst genannt. Meist waren es Opfer der Modernisierung, die ihr ökonomisches Scheitern nicht geduckt hingenommen, sondern trotzig ausgestellt haben. Sie wurden Sänger, Säufer, Spieler. Wenn sich das Bild des bürgerlichen Individuums am Modell des Unternehmers entwickelt hat, geben diese Typen seine Karikatur ab.

Vor allem Bardur, der Vater des Ich-Erzählers, jüngster Sohn des alten Killian, ist eine solche Gestalt. "Papa machte unermüdlich Pläne, wie man mit einem Schlag viel Geld verdienen könnte. Geld war überall vorhanden, soviel verstanden wir, man mußte nur schlau genug sein, um dranzukommen." Vom kleinsten Preisausschreiben bis zur Bergung eines riesigen Hochseeschiffs läßt Bardur keine Möglichkeit aus. Oft riskiert er viel, und meistens verliert er alles. Er trickst, oft am Rand des Vertretbaren. Er trinkt, feiert seine Niederlagen. Er steckt immer voller Pläne und immer voller Geschichten. Auch wenn es von ihm heißt: "solche Geschichten erzählte er nie zu Hause", so werden sie doch erzählt, eine nach der anderen.

Darunter sind viele schöne Geschichten, auch hübsche Anekdoten wie die von dem "Stierkämpfer", der so genannt wurde, weil er einmal mit seinem fünfzehn Jahre alten und zwei Tonnen schweren Chrysler in eine Rinderherde hineingerast war. Das Auto hatte "Totalschaden, ich drei Brüche, aber sechzehn Bullen auf der Stelle tot". In der Abfolge dieser Anekdoten werden die Opfer zu Originalen. Das Scheitern individueller Hoffnungen und Wünsche stellt sich als Kette kurioser Begebenheiten dar. Die anderen Geschwister, die ,es' irgendwie schaffen, Geld verdienen, Anerkennung einheimsen, Häuser bauen, geben natürlich weniger Stoff zum Erzählen her. Der Witz scheint in der Tragik zu liegen. Salómon, der stumme Zwilling, der in Reykjavøks Irrenanstalt Kleppur seine Tage verdämmert, wird aus dem Bewußtsein der Familie gelöscht und, bemerkenswerterweise, auch vom Erzähler vergessen.

Nur ganz leise klinge noch die Wehmut durch, die Kárason einmal auf die Formel gebracht hatte: "Wenn Leben aus Leiden besteht, dann ist Leben auf dieser Insel." Der "törichten Männer Rat" zufolge genügt ein bißchen Fusel, und schon wird das Leben lustig.