Alle schönen Worte waren vergeblich. Jahrelang blieb die saubere Sonnenenergie etwas für Sonntagsreden. Nun aber, prognostizieren Branchenkenner, entkommt die Sonne ihrem Nischendasein. Der Markt macht's möglich.

Das neue Zeitalter begann Mitte April. Das Energiewirtschaftsgesetz lag noch zur Unterschrift beim Bundespräsidenten, als in Düsseldorf die Naturstrom AG (Natag) gegründet wurde. Neun Umweltorganisationen, darunter Eurosolar und der Naturschutzbund Nabu, hoben gemeinsam den alternativen Stromversorger aus der Taufe. Er will seine Kunden ausschließlich mit Strom aus regenerativen Energiequellen beliefern. Das Kalkül der Umweltverbände: Im liberalisierten Markt, wo sich jeder Stromkunde seinen Lieferanten selbst wählen kann, wird kein Gegner von Atomkraft und Castor-Transporten langfristig bei einem Atomstromverkäufer bleiben.

Obwohl die Bundesregierung es versäumt hat, den regenerativen Energien im neuen Gesetz explizit Vorrang einzuräumen, entfalten die Paragraphen bereits eine Dynamik, die niemand erwartet hatte: Sonne, Wind und Wasserkraft werden von der Marktliberalisierung erheblich profitieren. Sie allein haben das positive Image. Und Image wird im freien Markt zum Wettbewerbsfaktor.

So blieb die Natag nicht der einzige Neuling. Da das Unternehmen sich allein als Stromhändler, nicht aber als Produzent sieht, entstand mit dem "grünen Energieversorger" plötzlich ein weiterer Markt - für Unternehmen nämlich, die den gewünschten Strom aus Wind, Sonne und Wasserkraft erzeugen. Keine zwei Wochen nach der Natag präsentierte sich in Frankfurt das erste Unternehmen dieser Art: die Solarstrom AG (SAG), eine Firma des Freiburger Solarmodulproduzenten Georg Salvamoser. Das Konzept der SAG beruht darauf, Solarkraftwerke zu errichten und den Strom zu einem kostendeckenden Preis an all jene Energieversorger zu verkaufen, deren Kunden Solarstrom wünschen. Ein Novum: Der freie Strommarkt macht auf diese Weise erstmals Solarkraftwerke betriebswirtschaftlich rentabel. Ein erstes Photovoltaik-Kraftwerk mit siebzig Kilowatt wird die SAG in Freiburg auf einem Parkhaus errichten, nachdem die Freiburger Stadtwerke FEW bereits zugesagt haben, die jährliche Produktion von 65 000 Kilowattstunden zu einem kostendeckenden Preis abzunehmen.

Kaum waren Natag und SAG - beides Unternehmen mit Wurzeln in der Ökobewegung - auf den jungen Strommarkt getreten, folgte Mitte Mai auch schon der erste konventionelle Stromversorger. Die Kraftübertragungswerke Rheinfelden (KWR) und das Kraftwerk Laufenburg (KWL), zwei eng miteinander verflochtene Stromversorger am Hochrhein mit eigenen Versorgungsgebieten, gründeten die NaturEnergie AG. Schon die Konkurrenz um die wohlklingenden Namen macht die Dynamik der Branche deutlich: Seit Monaten hatten KWR und KWL an dem Unternehmen gefeilt, es sollte ursprünglich Naturstrom AG heißen. Doch dann kamen die Umweltverbände den Stromversorgern zuvor.

Die NaturEnergie AG funktioniert ähnlich wie die Naturstrom AG. Wer dort Kunde wird, bezahlt etwa fünfzehn Prozent mehr pro Kilowattstunde und erhält ausschließlich Strom aus regenerativen Energien geliefert. "Premium-Aufpreis" nennt die Firma das. Aber die NaturEnergie AG beschränkt sich - anders als die Naturstrom AG - auf Sonne und Wasserkraft. Daß sie damit bei Umweltverbänden auf heftige Kritik stößt, liegt nahe. KWR und KWL wollten nur "den ohnehin erzeugten Wasserkraftstrom mit einem Ökoaufschlag noch teurer als bisher an ahnungslose Kunden absetzen", wettert der Bundesverband Windenergie. Der Stromversorger weist die Kritik zurück. Die NaturEnergie AG werde auch neue Kraftwerke bauen und damit zum "ersten deutschen Markenartikler in Sachen regenerativer Strom" werden.

Lücken im Gesetz zementieren Monopole Anfang 1999 will die NaturEnergie AG ihre ersten Kunden beliefern, einen ähnlichen Termin peilt die Naturstrom AG an. Weitere Mitbewerber werden folgen, das gilt als sicher. Doch in der ersten Phase geht es ohnehin nur darum, Markennamen zu besetzen. Bis die Modalitäten eines Versorgerwechsels geklärt sind, wird es nämlich noch dauern. Juristisch betrachtet, könnte zwar schon heute jeder Stromkunde seinen Versorger wechseln. Der früher diskutierte Passus im Gesetz, der in einem ersten Schritt nur den Großverbrauchern einen Wechsel ermöglichen sollte, ist in der verabschiedeten Fassung nicht enthalten. Faktisch erschweren aber Lücken im Gesetz gerade Kleinverbrauchern den Wechsel erheblich. Zu diffus sind die Transportentgelte. Niemand weiß, was es kosten darf, wenn ein Stromversorger seine Energie durch die Leitungen eines anderen Unternehmens transportiert.