Leipzig

Rußlands Finanz- und Verfassungskrise kommt einem Offenbarungseid der Optimisten gleich. Mit naiven Ansichten und nutzenorientierten Ausblicken dominierten sie bis zuletzt die Diskussion über Jelzin und seine Reformer.

Berater und Geschäftspartner der "Macher in Moskau" versuchten, eine Konjunktur herbeizureden, obwohl Investitionen, Produktion und Steuereinnahmen seit Jahren schrumpften. Nun fragt sich die aufgeschreckte Öffentlichkeit, ob Rußland einem Kollaps entgegensteuert und, wenn ja, was der Westen noch dagegen tun könne. Energische Appelle an Wiktor Tschernomyrdin, trotz der gegenwärtigen Krise die Reformen fortzusetzen, wirken aber ebenso hohl wie hilflos, denn in Rußland ist das Vertrauen in den Westen vollends erschüttert. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat weiter an Glaubwürdigkeit verloren.

Vertrauensbildende Maßnahmen müssen jetzt Männerfreundschaften und Kreditgeschäfte ablösen. Solche Schritte könnten erheblich dazu beitragen, daß am Runden Tisch oder in einer russischen "Koalitionsregierung" wenigstens ein minimaler Konsens gefunden wird.

Das erste Hilfspaket des Westens müßte vier Punkte enthalten: die eigenen Fehler eingestehen, die Verantwortung nach Moskau zurückverlagern, die Kredite des IWF und der Weltbank abschreiben und die Wirtschaftskooperation im Rahmen der GUS nicht durch (kaum verdeckte) Auflagen behindern.

Die Regierungschefs der größten Industrieländer und die Direktoren des IWF haben die russische Führung bisher zu einer einseitigen und unangemessenen Reformpolitik gedrängt. Damit trugen sie in beträchtlichem Ausmaß zu dem Schaden bei, den Rußland sich ohnehin selbst beifügte. Diesen Schaden müßten sie jetzt moralisch und materiell begrenzen. Ein großzügiger Schuldenerlaß wäre angemessener und ehrlicher als neue Kredite, denn die nächste westliche Auflage im Namen der Marktwirtschaft droht bereits: Moskau soll seine wenigstens halbwegs potenten Monopolunternehmen zerschlagen. Während der Westen ständig neue Elefantenhochzeiten von Mammutkonzernen feiert, sollen Rußlands wenige Global Players - wie Gasprom - als lästige Konkurrenten verschwinden.

Ein weiterer Vorteil des Westens aus den Kreditgeschäften ist schon seit Jahren Wasser auf die Mühlen der russischen Nationalisten: Um Zinsen und Tilgungsraten aufzubringen, muß Rußland große Mengen Öl zu Niedrigstpreisen exportieren. Insofern fördert der "Ausverkauf" russischer Bodenschätze das Wachstum der freien Marktwirtschaften.