War es anderes als tätige Nächstenliebe? Seinen Bruder, der in bittere Not geraten war, rettete Kardinal Michele Giordano vor dem sicheren Untergang, indem er ihm mit Darlehen in Höhe von umgerechnet 800 000 Mark unter die Arme griff. Schließlich hatte der Bruder nichts anderes getan, als Mitmenschen aus finanziellen Engpässen zu helfen. Für diese brüderliche Wohltat mußte sich der Kardinal sogar selbst verschulden. Ihm half, im gleichen christlichen Geist, das Institut für die Werke der Religion, die Vatikanbank, über seinen Vertreter in Neapel: Es borgte dem Kardinal sehr hohe Summen, ohne jemals schnöde nach Sicherheiten oder Rückzahlungsmodalitäten zu fragen.

Doch diese Kette frommer Taten ist jäh unterbrochen worden. Der Bruder des Kardinals, Mario Lucio Giordano, sitzt wegen Zinswuchers, Erpressung und krimineller Bandenbildung im Kittchen. Und den hohen Kirchenfürsten beschuldigt die Staatsanwaltschaft von Lagonegro, einer Kleinstadt in der südlichen Region Basilicata, höchstselbst und höchst aktiv an diesen abscheulichen Verbrechen beteiligt gewesen zu sein. Ein entsprechender Ermittlungsbescheid ist dem Kardinal am vorvergangenen Samstag überreicht worden.

Der schier unfaßbare Fall sandte Schockwellen durch ganz Italien und ließ auch den Heiligen Stuhl erbeben. Der Papst griff zu einem drastischen Vergleich. "Nicht mal in den Jahrzehnten der Verfolgung in kommunistischen Ländern ist eine so schreckliche Beschuldigung wie Zinswucher gegen Bischöfe oder Kardinäle erhoben worden, die den Regierenden nicht genehm waren", ließ Johannes Paul II. durch seinen persönlichen Sekretär und Vertrauten, Monsignor Stanislao Dziwisz, verkünden.

Die Männer des vatikanischen Apparats reagierten erkennbar vorsichtiger. Der Fall könnte das Konkordat berühren, sagte der Vatikan-Sprecher Joaquin Navarro-Vals. Auch mußte der italienische Botschafter beim "Außenminister" des Vatikans, Erzbischof Jean-Louis Tauran, antreten, um den mündlichen Protest des Heiligen Stuhls entgegenzunehmen. Der Ton der Vorhaltungen war freilich, so die römische Tageszeitung La Repubblica, "ziemlich soft" - kritisiert wurde lediglich die Form des Vorgehens der Staatsanwaltschaft von Lagonegro. Die Männer der italienischen Justiz hätten zum Beispiel die Vorgesetzten des Kardinals über die Ermittlungen informieren sollen und ihnen auch mitteilen müssen, daß das Telephon des Kardinals seit Mai überwacht wurde.

Genau dies hatte der ermittelnde Staatsanwalt, Michelangelo Russo, freilich aus gutem Grund vermieden. Die Bereitschaft des Vatikans, mit der italienischen Justiz zusammenzuarbeiten, wenn es um die eigenen Leute geht, ist bekanntermaßen nicht ausgeprägt. Und nicht auszuschließen wäre gewesen, daß der verdächtigte Kardinal durch einen diskreten Wink aus Rom davor gewarnt worden wäre, sich am Telephon nicht allzu freimütig zu äußern, über die Schwierigkeiten seines Bruders zum Beispiel.

Inzwischen haben freilich auch im Vatikan diskrete Untersuchungen über die ungewöhnlichen Finanzströme begonnen, die zwischen den Konten des Würdenträgers und denen seines Bruders hin- und herliefen, im Umfang von umgerechnet 1,5 Millionen Mark allein im vergangenen Jahr.

Über so viel privates Geld verfügen Kardinäle normalerweise nicht mehr.