Interessante These: Die durch den freifliegenden Turbokapitalismus verstärkte Krisenhaftigkeit der Politik enttarnt die Postmoderne als fatalistische Yuppietheorie der saturierten Achtziger. Kann aber mit der Historisierung postmodernen Denkens die eben noch dekonstruierte Einheit der Vernunft restauriert werden? Gemach. Unbestritten ist die zunehmende Evidenz politischer Probleme durch die Entpolitisierung der Politik (nicht der Gesellschaft). Nur stehen unvereinbare Paradigmen nicht je nach Konjunkturverlauf zur Disposition: die ästhetisierende Postmoderne für die fetten Jahre und nun, angesichts der sogenannten Globalisierungskrise, Morgenluft für Habermas' "kommunikative Vernunft"? Statt auf den x-ten Frühling konsensualer Gesellschaftsmodelle zu hoffen, sollte man Lyotards aporetische Dialektik von Dissens und Gerechtigkeit ernst nehmen. Dissens ist das genuine Geschäft der Politik und Gerechtigkeit der unerreichbare Schatten ihrer Projektionen. Wir kommen hinter das Paradigma der Differenz nicht mehr zurück. Es erzeugt nicht Beliebigkeit, sondern Ambivalenz und erschwert damit Theoriebildung ebenso wie praktische Lösungen politischer Probleme. Allein, was ist daran konservativ?

Matthias Wefer, Hamburg